Die Kirche des Worts gegen die Bilder im Kopf

von Tobias Graßmann (@luthvind)

Es ist nun schon etwas Zeit vergangen, seit ein kurzes Zitat einer Bischöfin auf Twitter Diskussionen ausgelöst hat. Auch wenn eine kurze Internetrecherche ausreichen sollte, um das Zitat zuzuordnen, kann die Person hier ungenannt bleiben, da es mir nicht um eine Auseinandersetzung mit einer bestimmten Amtsträgerin einer fremden Landeskirche geht. Von verschiedener Seite wurde mir versichert, dass die betreffende Person mit der hier vertretenen Position in weiten Teilen übereinstimmen würde. Gerade das scheint mir freilich typisch für ein Problem zu sein, auf das ich in den Tagen vor Weihnachten einmal die Aufmerksamkeit lenken will. Ich greife also diese Äußerung als ein prägnantes Beispiel heraus, um den Blick auf ein grundlegendes Problem zu lenken.

Das betreffende Zitat stammt aus einem Segenswort, formuliert im Rückblick auf das Reformationsjubiläum und die abschließenden Gottesdienste zum Reformationstag. Es wird die Frage aufgeworfen, „wie’s denn mit der Kirche weitergeht und mit dem Glauben“. Als Antwortversuch formuliert die Bischöfin:

„Heißt: wir müssen runtersteigen von den Kanzeln und Bühnen, eher fragen und zuhören als antworten, predigen oder gar belehren. Uns hinwenden und suchen, was verloren gegangen ist.“

Was mich daran unmittelbar geärgert hat, ist natürlich nicht der positive Vorsatz: mehr fragen und zuhören, sich zu Menschen hinwenden. Es geht mir um das Bild von Kirche und Verkündigung, das diesem Vorsatz als dunkle Kontrastfolie unterlegt ist. Es ist das Bild einer Kirche, die normalerweise von oben herab antwortet, predigt und belehrt.

Verzichtbare Negativfolien

In Abgrenzung wird so ein durchaus verbreitetes Bild von Kirche aufgegriffen. Ein Bild, das in der Vergangenheit wohl einmal schlechthin bestimmend und vielleicht auch angemessen war. Eines, mit dem sich viele Pfarrerinnen und Pfarrer heute aber nicht mehr identifizieren können und wollen.

Indem dieses Bild von der Bischöfin als Folie für ihre positiven Anliegen verwendet wird, setzt sie es faktisch ins Recht. Der unbefangene Hörer muss verstehen: Es gibt in der Kirche einen Normalzustand, der sich als Belehrung von der Kanzel herab beschreiben lässt. Aber hier tritt eine Einzelperson an, die sich gegen diesen Normalzustand stellt. Verstärkt wird der Effekt dadurch, dass es offenbar nicht um konkrete blinde Flecken, bestimmte Anliegen oder Sorgen geht, die überhört werden. Das Problem bleibt unkonkret – und damit tendenziell allgegenwärtig!

Diese Abgrenzungsfigur begegnet mir häufiger, und zwar nicht nur als gesprochenes Wort. Ich bin immer wieder irritiert über die vielen Kolleginnen und Kollegen, deren gesamtes Auftreten vor allem die Botschaft senden soll: Ich bin kein typischer Pastor, keine typische Pastorin. So wird im eigenen Auftreten die Negativfolie eines Pastorenbildes mitgeschleppt: „langweilig“, „konservativ“, „weltfremd“, „verknöchert“ und „verkopft“. Aber an welchen Kollegen ist dabei eigentlich gedacht? Wen trifft die Beschreibung, wen möchte man in einer Pfarrkonferenz mit diesem Vorwurf konfrontieren? Dieser Unhold im Talar hat keinen Namen und keine Adresse, so dass man vermuten muss: Er treibt eigentlich überall sein Unwesen. Nur hier nicht!

Ich glaube ja nicht, dass die Bilder, die so in der Fantasie der Menschen aufgerufen und fortgepflanzt werden, die Wirklichkeit unserer Gemeinden angemessen widerspiegeln. Vor allem aber meine ich, dass wir uns als Kirche so jede Chance nehmen, diese Bilder endlich loszuwerden. Wollen wir in einer Zeit, in der viele Menschen gar keine klaren Erwartungen an Kirche und nur noch vage Bilder von Pastoren haben, selbst unsere Negativklischees mitschleppen und weiterverbreiten?

Futter für das Vorurteil

Es gibt noch einen weiteren Punkt, der mein Unbehagen weckt. Das Zitat ist nämlich dazu geeignet, eine verbreitete anti-theologische Stimmung zu bedienen. Ich glaube, dass nur in seltenen Fällen diese Ressentiments bewusst geschürt werden. Aber da sie nun einmal in den Köpfen vorhanden sind, passiert es fast unvermeidlich, dass die Negativfolie der belehrenden Kirche mit bestimmten Klischees von Universitätstheologie verschmilzt.

Denn in kirchlichen Kontexten, besonders im Internet, begegnet mir häufig eine Erzählung, die sich etwas überspitzt so zusammenfassen lässt: Gefragt für das Pfarramt wären „normale“ Menschen, die freundlich und interessiert, lebensnah und zugewandt sind. Das Studium an der Universität bringe nun aber eine Kaste blutleerer Streber hervor, die sich mit alten Sprachen und kirchengeschichtlichen Daten und dogmatischen Lehrgebäuden auskennen, aber die echten Menschen aus dem Blick verloren haben. Ja, sie verstehen weder deren Fragen noch können sie sich ihnen verständlich machen. Daher der himmelweite Abstand zwischen der Kanzel, dem Außenposten des akademischen Elfenbeinturms, und dem Leben der Menschen – die aus diesem nachvollziehbaren Grund wegbleiben.

Wie verbreitet solche Bilder der akademischen Ausbildung sind, illustriert nicht nur ein jüngst veröffentlichter Text von Pastorin Carola Scherf, sondern auch ein Erlebnis, das ich mit einem Oberkirchenrat hatte. Der Mann schleuderte mir den überraschend ehrlichen Satz entgegen: „Ich kann der Synode nicht erklären, warum Leute an der Uni rumhängen, während in Oberfranken Pfarrstellen unbesetzt bleiben!“ Könnte die Theologie an der Universität irgendwie damit zu tun haben, dass ländliche Pfarrstellen mit kompetenten Menschen besetzt werden? Nun, ein Zitat wie das eingangs zitierte ist kaum geeignet, Synodale und Oberkirchenräte von der Unverzichtbarkeit theologischer Ausbildung zu überzeugen.

Natürlich kann man bei Kritik an der verkopften Unitheologie immer mit Zustimmung rechnen, mit dem Applaus so mancher Pastoren und dem Kopfnicken vieler Gemeindeglieder. Schnell sind ein paar Beispiele für die Praxisferne der Ausbildung zusammengetragen. Aber diese Kritik tut nicht nur vielen Theologinnen und Theologen unrecht, die sich ernsthaft bemühen, ihre Forschung und die kirchliche Praxis fruchtbar zu verknüpfen. Sie ist auch falsch. Denn ein Theologiestudium entfremdet Menschen nicht dem wahren Leben. Stattdessen bedeutet es meistens eine Horizonterweiterung.

Der Mythos des sinkenden Theologiebedarfs

Wer ein theologisches Studium durchläuft, begegnet Texten, Personen, Lebensproblemen und philosophischen Argumenten aus etwa 3000 Jahren. Mit den Sprachen sind tiefe Einblicke in andere Kulturen verbunden. Sie oder er hat im Idealfall gelernt, die Fremdheit der biblischen Texte anzuerkennen und sie dennoch fruchtbar auf das eigene Leben zu beziehen. Theologinnen und Theologen haben sich kritisch mit dem eigenen Glauben auseinandergesetzt. Sie haben sich klar gemacht, dass schon unter Christen viele ihrer religiösen und moralischen Überzeugungen alles andere als unhinterfragbar sind. Sie laufen weniger Gefahr, die eigene Ortsgemeinde mit der ganzen Kirche Jesu Christi zu verwechseln. All das wird ihnen in der Begegnung mit Menschen eher helfen als schaden.

Ich glaube daher nicht an einen inneren Zusammenhang von Theologiestudium, Weltfremdheit und pastoraler Selbstherrlichkeit. Ebenso wenig überzeugt mich die Einschätzung, dass heute sowieso kaum mehr Bedarf an Theologie besteht und bloße Mitmenschlichkeit genügt. Ich meine eher: Theologieverachtung kann man sich vielleicht leisten, wenn man von einer überwiegend kirchlich geprägten Kultur ausgeht. Wenn die Autorität der Kirche und ihrer Amtspersonen unhinterfragt ist, kommt man mit einem Minimum an Theologie aus. Wenn jede und jeder als guter Christenmensch erzogen ist und das Wort des Pastors sowieso Gesetz, dann dürften Menschenkenntnis und christliche Allgemeinbildung tatsächlich ausreichen.

Aber heute brauchen wir eher mehr Theologie als früher. Die Selbstverständlichkeit ist dahin. Wir müssen unsere christlichen Überzeugungen erklären und begründen. Wir haben es ständig mit anderen Weltbildern, Religionen und Konfessionen zu tun. Vielen Menschen fehlt eine eigene Sprache für die religiösen Bedürfnisse, mit denen sie zu uns kommen. So muss oft erst einmal Verstehensarbeit geleistet werden. Theologie meint nicht Belehrung, die an die Gemeinde weiterzugeben wäre – sie schult Wahrnehmung und Sprachfähigkeit.

Kompass im Dickicht menschlicher Bedürfnisse

Pastorinnen und Pastoren werden heute nicht mehr dazu ausgebildet, von der Kanzel herab die Massen zu belehren. Von ihnen wird erwartet, die Bedürfnisse der Menschen wahrzunehmen. Das ist gut so. Aber diese Bedürfnisse gehen weit auseinander und sind in der Summe unmöglich zu bedienen. Manchen Menschen reicht tatsächlich ein offenes Ohr – für die Sorgen ihres Alltags oder ihre Thesen zum Islam. Andere wollen selbst erst einmal hören und suchen Worte für einen Glauben, der irgendwie verschüttet oder gerade erst im Wachsen ist. Wieder andere erhoffen sich Rat in Lebensfragen. Und manche interessieren sich für die Wurzeln unserer Kultur oder die Welt der Bibel. Die Liste ließe sich fortsetzen. Im Pfarramt braucht es kommunikative Kompetenz, aber auch einen klaren theologischen Kompass, um bezüglich der Fülle von Erwartungen sinnvolle Prioritäten zu setzen.

Deshalb ist mir ein Leitbild kirchlichen Handelns zu dünn, das sich auf Zuhören und Fragen beschränkt. Deshalb wünsche ich mir, dass die Kirchenleitung sich klar zur Theologie bekennt. Und es wäre schön, wenn man auf manche der gängigen Negativfolien verzichten könnte. Auf die Abgrenzung von den Kolleginnen und Kollegen, auf die beliebten Klischees von akademischer Theologie.

Warum nicht einfach so: Ich will Fragen stellen, zu schnelle Antworten vermeiden, den Menschen genau zuhören und das Verlorene suchen. Und in diesem Geist predigen und lehren.

2 Gedanken zu „Die Kirche des Worts gegen die Bilder im Kopf“

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