Rezension: Kirchenmusik als sozioreligiöse Praxis

eva_cover_04298_APrTh_63_Koll

Koll, Julia, Kirchenmusik als sozioreligiöse Praxis. Studien zu Religion, Musik und Gruppe am Beispiel des Posaunenchores (Arbeiten zur Praktischen Theologie, Bd. 63), Leipzig 2016.[1]

Rezensiert für www.nthk.de von Claudia Kühner-Graßmann am 6. November 2017, veröffentlicht am 15. November 2017.

Julia Koll legt mit dieser Studie, der überarbeiteten Version ihrer Habilitationsschrift, einen interessanten Beitrag vor, wie kirchliche Praxis theologisch einzuholen ist. Dabei wendet sie sich einer sozialen Gruppierung zu, die für den Protestantismus prägend und typisch ist: dem Posaunenchor. Die methodische Grundlage ihrer Überlegungen bildet eine Fragebogenuntersuchung aus dem Jahr 2012, die an norddeutschen Posaunenchören durchgeführt wurde.[2] Posaunenchor soll als sozioreligiöse Praxis der Kirchenmusik aber nicht nur theologisch, sondern auch kirchenmusiktheoretisch untersucht werden. So formuliert Koll als Ziel der Untersuchung, einen  „empirisch fundierten Beitrag zur Kirchenmusiktheorie zu leisten, indem der Topos des gruppenförmigen Musizierens theologisch reflektiert wird“ (13). Dabei spielen, wie der Untertitel verrät, die Kategorien Religion, Musik und Gruppe eine Rolle.

Methodisch besteht also eine Zweiteilung: zunächst erfolgt die Auswertung der Umfrage (II. Empirische Erkundung) und dann auf dieser Grundlage die religionstheoretische, kirchenmusiktheoretische und kirchentheoretische Perspektive (III. Theoretische Erkundungen).

Es stellt sich die Frage, wie dieser empirische Ansatz sich zur (Praktischen) Theologie verhält. Koll greift diese Frage auf und hält fest, dass Praktiken auf ihre möglichen religiösen Gehalte oder ihre implizite Theologie hin zu untersuchen seien (vgl. 63). Die quantitativen Daten sollen der Ausgangspunkt der Theoriebildung sein. So wird als Ziel der Untersuchung formuliert, „die Praxis des Posaunenchors und ihre implizite Logik möglichst sachgemäß zu beschreiben – und dies auf eine Weise, die auch Erträge für weiterreichende praktisch-theologische Diskurse“ zutage fördert (67). Theologisch sei dies auf eine dreifache Weise: Erstens sei der Gegenstand ein Beispiel kirchenmusikalischer Praxis. Zweitens sei das Erkenntnisinteresse, den zugrundeliegenden christlichen Glauben zu reformulieren. Und drittens sei der Forschungsprozess von einem theologischen Wirklichkeitsinteresse geprägt (vgl. 68f.). Dabei verweist Koll auf eine These von Dirk Evers, der die „dezidiert empiriebezogene Wirklichkeitswahrnehmung“ als „theologia viatorum“ (69) versteht. Bei aller Ausführlichkeit, mit der Koll ihre Methodik offenlegt, erscheint diese theologische Einordnung vage und lässt für die systematisch-theologisch interessierte Leserin viele Fragen offen. Praktisch-theologisch wiederum verortet Koll ihre Studie zwischen wahrnehmungs- und handlungswissenschaftlichem Verständnis (69).

In Verbindung mit der theoretischen Reflexion kommt Koll zu interessanten Beobachtungen, die einige in der Theologie weit verbreitete Grundsätze ins Wanken bringen können: zum einen bricht sie mit ihrer Untersuchung einen verbreiteten, individualistisch eng geführten Religionsbegriff auf und plädiert für einen Religionsbegriff, der der sozialen Komponente – die beim Posaunenchor eben auch immer eine Rolle spielt, ja gar konstitutiv ist – Rechnung trägt. Sodann zeigt sie, dass es sinnvoll sein kann, eine religiöse Motivation für das Musizieren musiktheoretisch zu erforschen. Dabei solle die Kirchenmusiktheorie nicht nur den Gesang, sondern auch die instrumentelle Kirchenmusik beachten. Schließlich sei weiterhin die Bedeutung des Posaunenchors als solch musikalisch-sozioreligiöser Praxis zu untersuchen.

Neben der Erweiterung des Religionsbegriffs um jene soziale Ebene kann die hervorgehobene Bedeutung von Praktiken als zweite starke Grundthese dieses Buches gelten. Darunter werden verstetigte und eingeübte Formen des Handelns verstanden (vgl. 354f.). Leider verbleibt die Thesenbildung dieses materialreichen Buches nur in Ansätzen und die Programmatik erschöpft sich in Ausblicken, was vermutlich der empirischen Ausrichtung des Buches geschuldet ist. Nichtsdestotrotz bietet dieses Werk auf vielen Ebenen einen interessanten Beitrag zu Methode und Gegenstand praktisch-theologischer Arbeit. Gerade die Verbindung verschiedener Methoden und Aspekte zeigt, wie ertragreich dieser Blick auf (soziale) Praktiken im Rahmen kirchlicher Praxis sein kann. Aber auch Freundinnen und Freunde des Posaunenchors kommen auf ihre Kosten: die Auswertung der Untersuchung bietet ihnen interessante Einblicke.

 

Claudia Kühner-Graßmann ist auf www.nthk.de zuständig für „Religion und Gesellschaft“.

 

[1] Vgl. ergänzend zu dieser die Rezension von Tobias Braune-Krickau in: Zeitzeichen 11 (2016).

[2] Verf.in dieser Rezension nahm als damaliges Mitglied des Posaunenchor St. Johannis in Göttingen auch an dieser Umfrage teil und füllte einen Fragebogen aus. Obgleich sich erschließt, warum Koll sich auf die norddeutsche Posaunenarbeit konzentriert, ist zu fragen, ob sich die Untersuchung etwa auf Württemberg oder andere Regionen, in denen die Posaunenarbeit immer noch großen Zulauf findet, übertragen lässt. Gerade Württemberg mit seiner pietistischen Prägung stellte sicherlich einen (weiteren) interessanten Forschungsgegenstand dar, zumal die religiöse Pointe, das Musizieren „zu Gottes Ehr`“, dort häufiger zu finden ist.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s