Die mangelnde Believingness der abstrakten Allmacht

Eine theologische Lektüre der „Holygen Bimbel“. Von Tobias Graßmann

 

Passend zum Reformationsjubiläum hat sich der Satiriker, Hummusfreund und PARTEIsoldat Shahak Shapira eine Auswahl biblischer Geschichten vorgenommen und sie – mit gehöriger künstlerischer Freiheit – in der „vong-Sprache“ nacherzählt. Für alle, denen der Name Shahak Shapira nichts sagt (wtf wo lebt ihr???), sei dieser Artikel verlinkt, der einen guten Überblick über sein Schaffen gibt. Erste Reaktionen aus dem kirchlichen und kirchennahen Umfeld auf Shapiras „Holyge Bimbel. Storys vong Gott und S1 Crew“ liegen bereits vor, etwa die ausführliche Rezension von P. Greifenstein in Der Eule (eulemagazin.de).

Soweit ich es wahrgenommen habe, wurde dabei fast ausschließlich auf den humoristischen Wert des Werks abgestellt. Kann man machen, ist aber auch ein bisschen harmlos! Was dagegen bisher sträflich unterbelichtet wurde, ist die Frage nach dem theologischen Wert dieser furiosen Bibelparaphrase. Lässt sich dieses Buch für Gemeinde und Religionsunterricht nutzen? Wenn Satire manchmal einfach bedeutet, Dinge ernst zu nehmen (#yolocaust anyone?), dann könnte man diesen Versuch einer theologischen Vereinnahmung als Meta-Satire bezeichnen. Oder auch nicht. Keine Ahnung, ist ja egal…

Erst einmal muss ein Missverständnis verhindert werden. Wie sollte man die Bimbel auf keinen Fall nutzen? Ich sehe vor meinem geistigen Auge den Kollegen fortgeschrittenen Alters, der „I bims d1 pfahrer“ an die Tafel schmiert und sich dabei total jugendlich fühlt. Und die angewidert-skeptischen Blicke seiner Schüler, die deutlicher als jedes Wort sagen: „Scheiße, wie peinlich ist der denn?“ Wenn Kirche cool sein will, geht es halt immer schief! Und besonders in diesem Fall darf man nicht den Anfängerfehler machen und Shapiras Bimbel missverstehen als ein Kompendium dafür, „wie die jungen Leute heute so ticken“. Die vong-Sprache ist eine Kunstform und damit dem barocken Sonett enger verwandt als der real praktizierten Jugendsprache. 100 mal abschreiben, Kollege! Das bedeutet nebenbei, dass das hier nicht der Untergang des Abendlands und seiner ehrwürdigen Grammatiktraditionen ist. Puh!

Besser scheint mir folgende Verwendungsweise: Das Shapira-Schibboleth! – Hey, Moment: Warum hat es Jeftah, dieser „Sohn einer Hure“ (Luther 2017), eigentlich nicht in die Bimbel geschafft? Großer Wunsch für die nächste Auflage! – Also, das Shapira-Schibboleth geht so: Einfach mal bei der nächsten Pfarrkapitelkonferenz, Kirchenvorstands- oder Fachkollegiumssitzung eine der Bimbel-Storys als Andacht vorlesen. An den unmittelbaren Reaktionen lässt sich zunächst ablesen, wer internetfähig ist und einen entsprechenden Humor hat. Und anhand der Beschwerden, die dann bei Oberkirchenrat, Rektorin oder sonst wo eingehen, lässt sich dann ermitteln, wo die unangenehmen Glaubensgenossen sitzen. Diese talibanoiden Frömmler, die nur darauf warten, sich in ihren religiösen Gefühlen verletzt zu fühlen! Die schon bei „Life of Brian“ nicht lachen konnten, die insgeheim den Zeiten nachtrauern, als die Staatsgewalt einem noch freie Hand ließ, um vorwitzigen Juden und spöttischen Gottesleugnern zu zeigen, wo der Hexenhammer hängt! In dieser Richtung sind mannigfaltige Verwendungsweisen denkbar. Nutzt die Bimbel, um zu schocken, zu irritieren oder einfach nur eine dröge Veranstaltung aufzulockern!

Aber wie steht es nun um die theologische Substanz der Bimbel?

Zunächst einmal eine Bestandsaufnahme aus der Perspektive des Bibellesers: Shapira ist denkbar uninteressiert an all den frommen Rationalisierungen und erbaulichen Floskeln, die der biblische Text so bietet. Er nimmt sich die Geschichten mit dem Handwerkszeug des Satirikers zur Brust. Dessen Kunst besteht ja darin, den Finger in die Wunde zu legen, Schwächen und Widersprüche ans Licht zu zerren. Sicher sind die Miniaturen nicht alle gleich gut gelungen. Wenig verwunderlich, dass die alttestamentlichen Geschichten mehr Witz haben. Aber dort, wo Shapira zu seiner Bestform aufläuft, da arbeitet die Bimbel geradewegs die zentralen Spannungen der Geschichten heraus. Shapira hat ein Händchen dafür, in die Brüche zu stoßen, an denen sich die biblischen Autoren schon reiben und die seither die Theologie beschäftigt halten. Wer sich den Abgründen der Bibel stellen will, der findet in diesem Buch einen guten Wegweiser. Und wer darüber mit (vorzugsweise jungen) Menschen ins Gespräch kommen will, findet in der Bimbel sicher einige gute Aufhänger.

Und wie sieht es aus dogmatischer Perspektive aus? Nun, es fällt auf, dass sich die Theodizeefrage als eine Art roter Faden durch das Buch zieht. Schon die Benennung der Paradiesgeschichte mit „Adolf U Eva“ wirft das Problem auf, dass Gott mit der Schöpfung des Menschen eben letztlich auch Geschöpfe wie Adolf Hitler und Eva Braun in Kauf nimmt. Das „Unde malum?“ lässt grüßen! Und wenn Gott im Gespräch mit Moses der Frage nach der Shoah lieber ausweicht, dann stellt sich die Frage, ob die Erwählung der Israeliten unter den Bedingungen dieses Unheilszusammenhangs nicht doch eine höchst ambivalente Sache ist.

Mit dieser Grundorientierung am Theodizeeproblem hängt das im besten Sinne groteske Bild zusammen, das Shahak Shapira von Gott zeichnet. Es ist ein Gott nach dem Bild des Menschen, wie er sich im Spiegel der Satire zeigt. Der Gott der Bimbel übertrifft dabei die menschlichen Protagonisten noch, was die unschmeichelhaften Charakterzüge betrifft. Er ist meist schlecht informiert oder einfach desinteressiert, man weiß es nicht so genau. Er ist jähzornig, hinterhältig und wankelmütig. Er missbraucht eine Machtfülle, mit der er offenbar nichts Sinnvolles anzufangen weiß. Also ziemlich unsympatischer Typ, eine Art in den Himmel projizierter Donald Trump. Und damit dem Gottesbild mancher Fundamentalisten gar nicht so unähnlich…

Diese Gottesvorstellung könnte der geschulte Theologe als Apotheose der abstrakten Allmacht bezeichnen. Ein Gottesbild, bei dem eine schier unermessliche Machtfülle nicht durch die Selbstbindung an Moral, Bundestreue und Gerechtigkeit im Zaum gehalten wird. Ein himmlischer Despot, der sich dadurch auszeichnet, dass er immer wieder willkürlich ins Weltgeschehen eingreift, den Naturzusammenhang durchbricht und sich dabei jederzeit anders entscheiden kann. Ein Gott, der letztlich nur die in den Himmel projizierten Allmachtsphantasien unreifer Jungmänner bündelt. Leserinnen und Leser darauf zu stoßen, dass ein solcher Gott keine Verehrung verdient, ja nicht einmal den Namen Gott – das ist die theologische Leistung der „Holygen Bimbel“! Shapira legt die Axt des Satirikers an die abstrakte Allmacht. Ich könnte mir vorstellen, dass seine Texte durchaus geeignet sind, dieses Thema in Unterricht und Gemeindearbeit aufzuwerfen. Also ich jedenfalls würde das gerne mal versuchen!

Wie es Shahak Shapira mit den Mitteln der Satire und einer ordentlichen Portion Respektlosigkeit gelingt, diese abstrakte Allmacht satirisch zu dekonstruieren, holt mich mehr ab als „Der Gottesgedanke nach Auschwitz“ (H. Jonas). Tatsächlich ist sein Werk wohl als entfernter Cousin dieser Art Theologie zu betrachten – aber halt ungleich witziger! Nach christlicher Tradition muss für die Selbst-Dekonstruktion der abstrakten Allmacht letztlich Gottes Sohn ans Kreuz. So gesehen, kommt Shapira mit ein bisschen Internethumor und ohne Blutvergießen doch recht weit…

Aber vielleicht sagt man uns Christen ja zurecht nach, den Humor immer unterschätzt zu haben…

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