Mehr Theologie – wie geht das praktisch?

Luther-predigt-von-der-Kanzel

Eine weitere Anmerkung zu “It’s the theology, stupid!

von Annette Haußmann

Homiletisches Seminar. „Also ich habe mich gar nicht angesprochen gefühlt.“ „Mir haben die Ecken und Kanten gefehlt“ „Ich frage mich, ob man auch den schwierigen Teil des Textes weglassen kann“. Es geht um die Vermittlung zwischen Predigttext, Predigerin, Predigthörenden. Aber eigentlich um viel mehr. Predigen, wie geht das? Und irgendwann in der Diskussion wird klar: es geht nicht um die Oma in Reihe fünf. Sondern um unsere eigenen theologischen Probleme mit dem Text – eine Grundfrage, der sich homiletische Theorien bereits angenommen haben, die wir nun weiter betrachten.

Angeregt durch den Beitrag von Tobias Graßmann – „It’s the theology stupid“ und den Folgebeitrag von Niklas Schleicher – „Study of theology revisited“ möchte ich hier eine praktisch-theologische Perspektive ergänzen. Weil ich glaube, dass hier das Problem besonders dringlich ist, und weil ich glaube, dass im Studium gelernt werden muss, was die „heißen Eisen“ sind – und wie man mit ihnen jongliert. Und dabei scheint mir auch ab und zu eine satte Polemik hilfreich – so sie denn gut argumentiert.

Das Problem ist altbekannt. Ein Vermittlungsproblem hatte die Theologie schon immer, eigentlich seit es sie gibt. Vom „Selig sind die geistig Armen“ über „dem Volk aufs Maul schauen“ bis hin zur milieusensiblen Kirche: Die sperrige Botschaft und wie sie zu den Menschen gelangen könnte ist seit je her eine Aufgabe, der sich Theologie stellen muss.

Das Fach der Praktischen Theologie wurde aus der Feststellung heraus etabliert, dass für den Übergang aus dem Studium in die praktische Tätigkeit des Pfarramts theologische Reflexionen notwendig sind. Historisch ist diese Disziplingründung nicht von ungefähr im Gefolge der Aufklärung entstanden. Jeder sollte sich seines Verstandes bedienen können und damit auch kritische theologische Fragen stellen. Und in der universitären Theologie bemerkte man, dass es für die Ausbildung nicht mehr genügte, einfache pastorale Handlungsanweisungen zu formulieren, die beinhalteten, was ein Pfarrer tun, lassen oder predigen sollte. Das Fach Praktische Theologie sollte fortan die Schnittstelle zwischen den biblischen Fächern, der Kirchengeschichte und der Systematischen Theologie sowie der kirchlichen Praxis ausfüllen und gesamtgesellschaftliche wie kirchliche Entwicklungen reflektieren. Eine Vielzahl von praktisch-theologischen Entwürfen, die das Pfarramt und seine Handlungsfelder beleuchten, ist seither entstanden. Wichtig scheint mir, dass diese Entwicklungen kontrovers diskutiert werden: Unter Theologen, zwischen Theologie und kirchlicher Praxis, unter Pfarrern und auch zwischen Studierenden und Dozierenden.

Wenn es um theologische Kompetenz geht, die allenthalben gefordert ist und von der eigentlich keiner so genau weiß, was das konkret sein soll, dann fasse ich mich zunächst einmal sanft aber bestimmt an die eigene Nase. Denn als dafür bin ich mit zuständig.

Denn Praktische Theologie ist die Reflexion der Praxis. Was bedeutet diese Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis für meine Tätigkeit als Lehrende an der Universität konkret? Warum ist es wichtig, theologisch zu studieren und zu reflektieren, bevor man sich der Frage „wie macht man das“ stellt? Arbeit an Theorien, die Grundprobleme behandeln, Probleme überhaupt erkennen, theologisch durchdringen, argumentieren. Das ist meine tägliche Aufgabe und die gilt es, Studierenden nahe zu bringen.

„Dem Volk aufs Maul schauen“, mit „Menschen außerhalb der Theologie sprechen“, „milieusensibel werden“, eine „neue Sprache statt der Kanzelsprache“. Das ist die weitverbreitete Antwort auf das Problem der Theologie: Übersetzungsleistungen sind gefordert. Das stimmt, aber es ist nur ein Teil des Problems. Das Problem beginnt dabei, dass wir mit diesen Formeln versuchen, unsere akademische Welt von der „normalen“ Welt des Predigthörers abzugrenzen. Wir leben in derselben Welt! Und vielleicht beginnen wir einmal damit, unsere eigenen Lebensprobleme theologisch zu befragen.

Die Theologie spricht eine komplizierte Sprache. Studierende müssen diese Fachsprache erst einmal lernen. Dann aber kommt ein zweiter Schritt, der der Rückübersetzung. Und das fängt ganz sicher nicht in der zweiten Ausbildungsphase an, sondern mitten im Studium. Was heißt es, dass Gott unter uns ist? Dass Jesus in die Welt gekommen ist? Jede Predigt könnte man von einer Menge Floskeln und leeren Phrasen befreien, wenn man sich die Mühe dieser Übersetzungsarbeit macht. Aber es ist harte theologische Arbeit.

Was ist also praktisch zu tun? Für mich stellt sich die Frage nach dem Theologiebezug als Frage der Vermittlung zwischen Theorie und Praxis, also als ein praktisch-theologisches Problem. Beide stehen zwangsläufig in einem Wechselverhältnis zueinander, was mir mitunter nicht genügend betont wird. Kirchliche Praxis in Predigt, Unterricht und Seelsorge geschieht auf der Basis der im Studium erworbenen theoretischen Grundlagen. Sie beeinflusst aber ihrerseits auch die Theorie. Probleme der Praxis werden ihrerseits wieder von der theologischen Theorie aufgegriffen – oder zumindest sollte das so sein.

Ich glaube also, es nützt nichts, wenn wir von den Studierenden eine Änderung ihrer Motivation zum Studium fordern. Sie wollen Pfarrer oder Lehrer werden, und das zu sagen, ist berechtigt. Weil sie uns immer wieder an Zweck und Ziel der theologischen Ausbildung, an der wir mitwirken, erinnern: die Ausbildung zum Pfarr- oder Lehrberuf. Und uns daher selbst hinterfragen müssen, was wir da tun und wo es zum Ganzen der Theologie und für die Praxis nützt. Nicht alles muss einen expliziten Praxisbezug haben und nicht zu jedem Thema ist die Frage „Wofür kann ich das konkret in der pfarramtlichen Praxis gebrauchen“ passend. Sonst landen wir schnell bei der Abschaffung der alten Sprachen und der Einführung von Betriebswirtschaftslehre. Aber es kann doch an einigen Punkten eine Verknüpfung hergestellt werden. Und unsere Aufgabe in der Lehre ist es, zu zeigen, wo und wie das der Fall ist:

  • Im Homiletikseminar überlegen wir, warum einigen Hörern mulmig geworden ist beim Hören der Predigt. Der Text beunruhigt und fordert gleichzeitig zum Nachdenken heraus. Was kann ich theologisch verantwortlich zu einem solchen Text sagen? Und wen spreche ich damit an? Ein Blick in den Urtext hilft beim Verständnis der entscheidenden Vokabel.
  • Im Seminar zu „Frömmigkeit“ geht es darum, welche verschiedenen Formen es gibt und warum uns manche gar abstoßen. Liegt das nur daran, dass dort andere Lieder gesungen werden? Oder Leinwand und Bühne den Raum dominieren, statt Taufstein, Kreuz und Kanzel? Oder liegt es vielleicht doch an den theologischen Inhalten, die dort vertreten werden? Solche Bewegungen der Erneuerung gab es in der Kirchengeschichte mehrfach, wie wurde damals damit umgegangen?
  • In Kirchentheorie frage ich die Studierenden, was an einem Gemeindeaufbaukonzept das dahinterliegende Kirchenverständnis ist: schließt es alle Christen ein? Oder nur die Kirchenmitglieder? Oder gar nur diejenigen, die aktiv mitarbeiten? Das berührt systematisch-theologische Fragen der Ekklesiologie und auch der Ethik.

Vielleicht haben wir es in der Praktischen Theologie leichter, Beispiele zu finden, weil unmittelbar deutlich ist, dass eine Pfarrerin später einmal predigen muss und ein Lehrer den Unterricht gestalten wird. Gleichzeitig halte ich die Frage auch in anderen Fächern für stell- und beantwortbar – eine Frage der theologischen Enzyklopädie in der Tat. Die Brücken zur Lebenswelt zu bauen, das ist seit jeher eine Theologenaufgabe. Und eine Übersetzungsleistung. Die Frage ist also nicht, ob wir mehr Theologie brauchen, sondern welche Theologie. Und auf welche Weise wir zu dieser theologischen Haltung finden. Im besten Fall überzeugen wir die Studierenden auf diese Weise, einen Moment von der Nützlichkeitsfrage zurückzutreten.

Zu Recht ruht das Pfarramt auf dem Fundament der akademischen Ausbildung. Meine Aufgabe ist es, plausibel zu machen, wozu sich Theologie treiben lohnt und dabei bei für die Relevanz einer theologische Reflexion zu werben. Das Pfund, mit dem wir wuchern können, ist unsere eigene Begeisterung für die Theologie als solche, die sie lehren. Dort, wo wir sie weitergeben können und der Funke überspringt, tritt die Frage nach der Anwendbarkeit für einen Moment in den Hintergrund.

 

 

Ein Gedanke zu “Mehr Theologie – wie geht das praktisch?”

  1. „Und vielleicht beginnen wir einmal damit, unsere eigenen Lebensprobleme theologisch zu befragen.“
    Den Satz finde ich gut. Denn wir selbst sind immer die primäre Praxis. Was im Blick auf unsere eigenen Lebensprobleme keinen Sinn macht und sich nicht bewährt, wird auch „die Oma in der fünften Reihe“ nicht bewegen.
    Doch wenn die eigenen Lebensprobleme ins Spiel kommen, geht es natürlich ans Eingemachte. Und was ist, wenn sich herausstellt, dass die „Theologie“, die man lehrt oder gelehrt bekommt, zu den eigenen, wirklichen Problemen nichts zu sagen hat?

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s