Rezension zu: Europa Reformata

Europa reformata. Reformationsstädte Europas und ihre Reformatoren, hg. v. Michael Welker, Michael Beintker und Albert de Lange, Leipzig 2016.

Für www.nthk.de rezensiert von Corinna Ehlers am 10. Januar 2017 .

eva_cover_europa_reformata

Das Reformationsjahr 2017 ist auch auf den Büchertischen nicht zu übersehen – und mancher kann die Namen Luther und Calvin bereits nicht mehr hören. Umso spannender aber, wenn sich ein Buch nicht primär die bekannten Gestalten vornimmt, sondern eine Reise zu reformatorisch bedeutsamen Städten ganz Europas : darunter einige, die viele Leser noch nie mit Reformation in Verbindung gebracht haben dürften. Der Band geht auf ein Projekt der Gemeinschaft evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) zurück. Aus Städten, die sich dabei erfolgreich um den Titel einer „Reformationsstadt Europas“ beworben haben (vgl. http://reformation-cities.org/), wurden 48 ausgewählt und von 51 Fachleuten beschrieben. Im Folgenden können nicht alle diese Beiträge besprochen, sondern nur jeweils markante Beispiele herausgegriffen werden.

Erklärte Absicht der Herausgeber, der emeritierten Systematiker Michael Welker und Michael Beintker sowie des Karlsruher Kirchenhistorikers Albert de Lange, ist es, „der Polyzentrik und der Vielschichtigkeit“ (9) der Reformation gerecht zu werden. Diese Pluralität reformatorischer Themen, Personen und Positionen skizziert Michael Welker in einer so allgemeinverständlichen wie differenzierten, konzis den aktuellen Forschungsstand wiedergebenden Einleitung.

Entsprechend vielfältig gestaltet sich das Spektrum der Städte: Die Perspektive geht weit über das Reich hinaus bis nach Debrecen (Béla Levente Bárath) oder Sevilla (Mariano Delgado); nicht nur erfolgreiche Reformationen spielen eine Rolle, sondern z.B. auch die reformatorische Untergrundbewegung in Venedig (Federica Ambrosini). Neben Zentren wie Genf (Michel Grandjean), Straßburg (Matthieu Arnold), Wittenberg (Johannes Schilling) und Zürich (Judith Engeler/Peter Opitz) werden Städte beschrieben, die außerhalb akademischer Forschung wenig bekannt sein dürften: so Herborn mit seiner reformierten Hochschule (Tobias Sarx) oder Viborg mit Hans Tausen, zentral für die Reformation in Dänemark (Rasmus H.C. Dreyer/Anna Vind).

Auch im Blick auf die Vielfalt reformatorischer Überzeugungen spannt sich ein Panorama auf: Der mit Luther zerstrittene Andreas Karlstadt in Orlamünde (Thomas Kaufmann) verstand sich ebenso als Reformator wie die an Luther orientierten Akteure in Riga (Ainars Radovics/Ojārs Spārītis). Das reformierte Spektrum reichte vom radikalen Flüchtling John Knox in Edinburgh (Charlotte Methuen) bis zur „ausgeprägte[n] Obrigkeitskirche“ (74), wie sie Martin Sallmann für Bern beschreibt. Menno Simons in Witmarsum (Klaas-Dieter Voß) hingegen wandte die eigene Bibelerkenntnis jedes Christen gegen Münsteraner Täufer wie gegen Reformierte.

Dass konfessionelle Grenzen sich erst allmählich entwickelten, zeigt sich z.B. in Antwerpen, wo Wittenberger, Schweizer und täuferische Einflüsse nebeneinander standen (Guido Marnef); die Koexistenz von altgläubiger und evangelischer Kirche wird für Augsburg beschrieben (Andreas Link). Das komplexe Verhältnis zwischen Reformation und Humanismus in Basel erörtert Christine Christ-von Wedel, während etwa bei Jan Hus in Prag (Martin Wernisch) deutlich wird, dass die Reformbewegungen des 15. Jahrhunderts einerseits Gedanken mit der späteren Reformation teilten, andererseits ein eigenständiges Phänomen darstellen.

In den Blick kommt auch der breite Kreis reformatorischer Persönlichkeiten: Mit Margarete Blarer in Konstanz (Hermann Ehmer) führte eine gebildete Frau einen „Gedankenaustausch auf Augenhöhe“ (199) mit Martin Bucer und war maßgeblich für die Neuorganisation von Schulwesen und Armenfürsorge. Neben Geistlichen stehen Politiker wie Philipp von Hessen, dessen „geistig-theologische Unabhängigkeit“ (254) Wolf-Friedrich Schäufele für Marburg betont. Für die Reformation Nürnbergs (Berndt Hamm) waren mit dem Ratsschreiber Lazarus Spengler sowie dem Schuhmacher und Dichter Hans Sachs zwei Nicht-Theologen zentral.

Dass sich die Gliederung einerseits an Städten, andererseits an Personen orientiert, produziert manche konzeptionellen Spannungen. So wird Melanchthon bei Wittenberg und Bretten genannt, Peter Martyr Vermigli an keinem seiner Wirkungsorte (u.a. Lucca, Straßburg, Oxford, Zürich). Bugenhagen findet für Hamburg und Kopenhagen Erwähnung – aber nicht für Wittenberg. Überhaupt ist der Gedanke, für jede Stadt prägende Persönlichkeiten zu nennen, in vielen Fällen fraglos sinnvoll, stößt aber an seine Grenzen, wenn in Reichsstädten Zünfte, Rat und Bauern maßgebliche Akteure waren oder sich die Einflüsse wie in Antwerpen vielfältig gestalteten. Es wäre wünschenswert gewesen, statt einer starren Anwendung des Personenprinzips diese Pluralität – die sich bei der Lektüre erschließt – auch in den Kapiteltiteln deutlich zu machen.

Mit dem Entstehungskontext dürfte zusammenhängen, dass Genre und Zielgruppe des Werks eher unklar bleiben: Die Ausrichtung schwankt zwischen Reformationsgeschichtsschreibung und „Reiseführer“ (letzteres ausdrücklich 11). So zeigen nicht nur die Einzelbeiträge ein Spektrum von der konzisen Darstellung komplexer Forschungslagen (z.B. in Christoph Strohms Abschnitt zu Heidelberg) bis zu eher anekdotisch gestalteten Ausführungen (z.B. Reijo E. Heinonens über Turku), sondern auch das Gesamtkonzept sieht am Ende jedes Beitrags einerseits recht akademische Literaturhinweise vor, andererseits Hinweise auf touristische Internetseiten.

Insgesamt aber vermittelt der Band eine höchst lebendige Anschauung davon, wie Reformation an verschiedenen Orten Europas aussehen konnte: Auch Theologen dürften manches Neue und Spannende darin entdecken – aber zugleich sind die meisten Beiträge so allgemeinverständlich, dass man sie ohne weiteres Nicht-Fachleuten, lesegewohnten Gemeindegliedern oder einer Reisegruppe als Lektüre empfehlen kann. Nicht zuletzt laden die zahlreichen und qualitativ hochwertigen Illustrationen (von Porträts über Fotos wichtiger Gebäude bis zu historischen Stadtzeichnungen) dazu ein, in dem Werk zu blättern und – gedanklich oder tatsächlich – eine Reise durch die Vielfalt der europäischen Reformation anzutreten.

 

Corinna Ehlers hat in Tübingen, Zürich und Jena ev. Theologie studiert und als Hilfskraft am Sachregister zu Luthers Werken sowie an der Neuedition der Confessio Augustana mitgewirkt. Derzeit arbeitet sie in Tübingen an einer Dissertation zur lutherisch-reformierten Konfessionsbildung im Zweiten Abendmahlsstreit (1552–1561). Sie ist Kollegiatin im DFG-Graduiertenkolleg „Religiöses Wissen im vormodernen Europa“.

Link zur Rezension: 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s