Das überfällige Ende der Standardbibel!?

Von Tobias Graßmann (Twitter: @luthvind)

Vor einigen Tagen hatte ich gänzlich unverhofft ein Paket von meiner Landeskirche in der Hand. Darin fand sich die neue Revision der Lutherbibel, welche der Öffentlichkeit im Rahmen der Eröffnungsfeiern des Reformationsjubiläums vorgestellt werden soll. Ein Geschenk, mit dem meine Kirche mir einerseits ihre Wertschätzung zeigen, aber andererseits auch Lust machen wollte, mich mit dieser Übersetzung zu befassen.

Man kann nicht behaupten, dass diese Neubearbeitung ihrer Standardbibel innerhalb der lutherischen Kirchen lange herbeigesehnt und entsprechend mit großer Euphorie aufgenommen worden wäre. Ein Grund dafür dürften die kirchliche Reformmüdigkeit im Allgemeinen, der Überdruss am Reformationsjubiläum im Speziellen sein. Man kann sich das Gestöhne in der Pfarrerschaft gut vorstellen: „Nach Perikopenrevision, Dienstordnungen und Umstellung der Buchhaltung jetzt auch noch eine neue Bibelübersetzung? Wo wir doch eh schon so viel Stress mit diesem blöden Jubiläum haben? Haben die da oben denn nichts Besseres zu tun? Aber klar, dafür hat man wieder Geld…“ Die Begeisterung der Verantwortlichen hingegen wirkt teilweise etwas bemüht.

Tatsächlich kann es auf den ersten Blick so aussehen, als ob die Kritikpunkte an der Revision überwiegen. Denen, die darauf Wert legen, dass eine Bibelübersetzung in der Tradition Martin Luthers „dem Volk auf’s Maul schauen“ müsse, erscheint die neue Revision leicht wie eine Selbstmusealisierung der kirchlichen Verkündigungssprache. Schließlich wurde in vielen Stellen zur Sprache der ursprünglichen Übersetzung Martin Luthers zurückgekehrt. Den Traditionalisten hingegen war ja das bloße Unternehmen einer Revision verdächtig. Viele der behutsamen und exegetisch gut begründeten Veränderungen (etwa dass Paulus nun an die „Brüder und Schwestern“ in Korinth schreibt oder die Selbstverfluchung in Mt 27,25 nicht mehr vom „ganzen“ jüdischen Volk, sondern von „allem Volk“ ausgesprochen wird) können hier als Beleg gelten: Die Kirche knickt mal wieder vor dem Zeitgeist ein. Und dann auch noch in neuer Rechtschreibung! Gerade diese Veränderungen dürften wiederum den Feministinnen, Befreiungstheologen und Vertretern des jüdisch-christlichen Dialogs nicht weit genug gehen. Hier ist weitere Kritik zu erwarten. Den Ökumenebewegten hingegen dürfte schon das Beharren auf einer eigenen Übersetzung suspekt sein: Sollten die evangelischen Kirchen doch lieber auf die Revision der katholisch verantworteten Einheitsübersetzung warten und diese endlich als Standardbibel der einen Christenheit anerkennen?

Man kann also sagen: Die neue Revision der Lutherbibel macht es eigentlich niemandem recht. Und: Das macht sie gut!

Denn ohne auf einzelne Stellen einzugehen (vgl. dazu die Beispiele und Erläuterungen hier oder hier), kann man urteilen: Ja, die neue Revision ist sperriger geworden, vielleicht auch etwas bildungsbürgerlicher. Sie hat sich damit ein Stück weit von dem Gedanken gelöst, die eine Bibel für alle Situationen zu sein. Aber das muss kein Schaden sein! Vielmehr weist sie einen Weg, der den evangelischen Kirchen insgesamt noch bevor steht: Sich auf das zu besinnen, was man am besten kann und was einen besonders macht!

Nun haben sich die Übersetzer offensichtlich grundsätzliche Gedanken darüber gemacht, was den Luthertext traditionell gegenüber anderen Bibelübersetzungen auszeichnet. Dabei kamen sie auf die allseits gerühmte Sprachgewalt und die unerreichte kulturelle Prägekraft. Diese Merkmale wurden in der Revision besonders herausgearbeitet, was eben zum Teil bedeutete: Rückkehr zum Wortlaut früherer Lutherübersetzungen, wo dem nicht neuere exegetische Erkenntnisse entgegen standen. Auf diesem Wege wurde einerseits ein Maximum an Sprachgewalt erreicht, andererseits ließen sich manche Bezüge zur deutschen Literatur, Geistes- und Musikwelt wieder sichtbar machen, die durch früheren Revisionen verdeckt waren. Intellektuelle werden beides zu schätzen wissen!

Vom Standpunkt des Sprachliebhabers ist zu begrüßen, dass klassische Wortschöpfungen Luthers und heute weithin ungebräuchliche Begriffe wie „Geblüt“ und „Gebeine“ wieder aufgenommen wurden. Denn wer den Traditionsabbruch und die Verarmung unserer deutschen Sprache nicht nur bejammern will, muss dafür sorgen, dass solche Worte auch verwendet werden. Im Gottesdienst haben sie nun ihren Ort und über die sakrale Sprache könnten sie auch wieder in den gehobenen Sprachgebrauch einsickern.

Gleichzeitig hatten die Übersetzer aber auch den liturgischen Gebrauch und die Bedeutung für die persönliche Frömmigkeit im Blick – im kollektiven Gedächtnis tief verankerte Stücke wie der 23. Psalm blieben in der Regel unverändert. So ist Luther 2017 auch eine traditionskontinuierliche Übersetzung im besten Sinne geworden. Keiner dürfte in den Gottesdienst gehen und geschockt feststellen müssen, dass ein geliebter Text nun völlig anders klingt.

Eine Lutherbibel, die der Nüchternheit der Zürcher Übersetzung, der Ursprachennähe der Elberfelder oder der Verständlichkeit der Basisbibel Konkurrenz machte, würde gerade ihre unverwechselbaren Stärken verraten. Es gibt mittlerweile eine Vielzahl origineller Übersetzungen und Übertragungen für nahezu jede Lebenslage und Zielgruppe: von der Kees de Kort Kinderbibel über die Bibel in gerechter Sprache bis hin zur originellen Volxbibel (bei deren Jugendsprache man allerdings schon wieder ungläubig die Stirn runzelt, ob Jugendliche wirklich mal so geredet haben). Es gibt jüdische und katholische Übersetzungen und solche aus dem evangelikalen Bereich.

Pfarrerinnen und Pfarrer werden auch in Zukunft Übersetzungen vergleichen und abwägen müssen, welche Bibel einer Verkündigungssituation angemessen ist. Vielleicht wird man nun jenseits von Sonntagsgottesdienst und Kerngemeinde öfter mal gegen den Luthertext entscheiden – aber wäre das angesichts der genannten Alternativen denn so schlimm?

Wer sich aber für Luther entscheidet, der bekommt auch Luther! Mit der neuen Revision haben wir jedenfalls eine sprachgewaltige, traditionsbewusste Bibel mit hohem ästhetischen Wert zur Hand. Besonders im Gottesdienst und bei der privaten Lektüre dürfte sie gute Dienste leisten. Das ist unbedingt ein Gewinn!

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