Rezension zu Erik Flügge: Der Jargon der Betroffenheit

von Tobias Jammerthal, Tübingen.

Flügge, Erik, Der Jargon der Betroffenheit: Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt, München 2016.

Um es ohne Umschweife zu sagen: dieses Buch ist gut. Der Verfasser ist ein Meister des geschriebenen Wortes, widmet sich seinem Gegenstand mit Sympathie und versteht sich auf das, worüber er schreibt.

1 Form

Erik Flügges Buch ist – klassisch – ein Fünfakter. Als Exposition dienen unter der Überschrift „Zorn“ (S. 8-34) frustrierende Erfahrungen, deren genaueres Studium („Angst“, S. 35-74) mit geradezu unheimlicher Präzision auf den Abgrund der Ratlosigkeit als scheinbarer Klimax zuläuft („Schweigen“, S. 75-100). Dass es dabei nicht bleiben kann, würde schon die Form verlangen, selbst, wenn der Verfasser es dabei bewenden lassen wollte. Konsequent skizziert er unter dem Stichtwort „Nähe“ (S. 101-144), in einer Art retardierendem Moment eigene Ansätze, bevor er im Finale die „Hoffnung“ (S. 145-160) beschwört – ein auch theologisch gebotener Schluss, der mehr einem Doppelpunkt als einem Schlusspunkt gleicht. Die einzelnen Akte dieses Stücks gliedern sich in jeweils 5-7 kurze Szenen, die ihrerseits klimatisch aufeinander aufbauen, wenngleich sie häufig auf den ersten Blick isolierte Beobachtungen und Erfahrungen nebeneinander reihen. Sprachlich gelingt Flügge die Aussöhnung von Form und Inhalt; wo er, in der Regel von einem Erlebnis ausgehend, zum Prinzipiellen gelangt, spürt man präzise Theologie, dargeboten in einer zwar in der Regel niveauvollen, aber doch leicht lesbaren Sprache. (Dass Flügge selbst fast durchgehend von konkreten Situationen ausgeht, stellt übrigens einen für den Rezensenten amüsanten Kontrapunkt zur Philippika des Verfassers gegen den ritualisierten Beginn einer Predigt mit einer lebensweltlich anschaulichen Situation, S. 68f., dar).

2 Sympathie

Titel und Untertitel des Buches, aber auch Klappen- und Einbandtext suggerieren zunächst, dass hier vor allem ein Scheitern beschrieben und ausgewälzt werden soll. Der Rezensent machte sich auf eine weitere dieser Erfahrungen gefasst, die Flügge selbst so eloquent beschreibt:

„Nicht nur die Kirche pflegt … einen schlechten Stil, sondern auch viele ihrer Kritiker. Da wird einfach das eine oder andere Bild genommen, auseinandergenommen und dann darunter eine Summe über das gesamte Christentum gebildet. Ein Vorwurf, der sich aus den vielen kleinen Unzulänglichkeiten schöpft, ohne anzuerkennen, welchen Zwängen das Sprechen von Gott unterworfen ist“ (S. 32).

Und in der Tat: hier wird „auseinandergenommen“. Flügge nimmt dabei vor allem die römisch-katholische Kirche in den Blick. Viele seiner Beobachtungen lassen sich freilich analog auch in den evangelischen Kirchen machen. So geißelt er den fatalen Irrtum der Erwachsenenbildung, sich in die Esoterik zu flüchten (vgl. S. 39-45), um Betroffenheit zu erzeugen. Er gießt Kübel der Häme über Versuche (nicht nur der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen) aus, die auf Anbiederung  statt auf Annahme setzen (vgl. S. 132-137. 148f.). Leidenschaftlich beklagt er den Fundamentalirrtum, als ob für alles, was Kirche zu tun habe, ausschließlich der Pfarrer zuständig sei, während der Rest der Gemeinde in Ruhe religiösen Konsums frönen dürfe (vgl. S. 139f.).[1] Vor allem aber brandmarkt er die gleichermaßen resignierte wie untreue Skepsis gegenüber der Relevanz der anvertrauten Botschaft und der Verkündigung, durch die sie weitergegeben werden will (vgl. S. 9-11. 21-23. 55-63 u.ö.).

Doch dabei bleibt es nicht: „‚Dennoch‘ ist mein Lieblingswort“ (S. 160). Zu den Stärken dieses Büchleins zählt, dass es immer und immer wieder Erfahrungen des Scheiterns Erfahrungen des Gelingens gegenüberstellt: Kirche engagiert sich in beispiellosem Ausmaß für die Schwachen (vgl. S. 27f.), sie bietet Hunderttausenden geistliche Heimat (S. 146-149), sie hat etwas zu sagen (S. 12-17. 22f. 41. 55-78 u.ö.). Geistliche sind in aller Regel herzliche und selbstreflektierte Menschen, keine gescheiterten Psychopathen (S. 138f. 154f. 160). Diese dialektische Grundstruktur prägt die gesamten 160 Seiten dieses Buches und sorgt dafür, dass der Theologe es nicht entnervt in die Ecke pfeffert und sich darüber ärgert, dass hier einmal mehr wohlfeile Kritik, charmant vorgetragen, aber völlig unbarmherzig in der Sache, dem eigenen Bemühen nicht gerecht wird.

3 Wert

Aber darin besteht nicht der Wert dieses Buches. Es ist nicht gut, weil es das wohlige Gefühl weckt, dass hier einer Sympathie für die Nöte der kirchlichen Arbeit hat. Dazu gäbe es auch zu viel kritisch nachzufragen: trifft das vom Verfasser gezeichnete Bild eines übermächtigen und unzugänglichen kirchlichen Apparats als Hemmnis einer gelingenden kirchlichen Streitkultur (S. 37f.) wirklich die Realität? Oder macht sich hier bemerkbar, dass Flügge hauptsächlich  die römisch-katholische Kirche im Blick hat? Ist das Reden „um den heißen Brei“ (S. 50-54) wirklich typisch Kirche – oder partizipiert die Kirche hier nicht (wie so oft) an einer allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung? Meint Flügge wirklich, dass der Verzicht auf die Amtstracht kirchlicher Rede den Zugang zu ihr bisher verschlossenen Ohren öffnen würde (vgl. S. 120-124)? Zu fragen bleibt auch, ob das von ihm mit einer gewissen Ausschließlichkeitstendenz entworfene Modell persönlicher ortsunabhängiger Bindungen zwischen zwei Seelsorgepartnern (S. 138-144) in der Masse überhaupt tragfähig wäre. Und die Mobilität, die Flügge als schlechthinnige Grundsituation des Menschen des 21. Jahrhunderts beschreibt, mag zwar auf weite Teile der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Eliten zutreffen. Was ist aber mit dem Rest der Gesellschaft?

Was dieses Buch gut und mehr als lesenswert macht, ist: hier ertönt ein Ruf  zur Sache.

„Ich will sie hören, die Predigten, die christliche Substanz, rhetorische Brillanz und Relevanz vereinigen.“ (S. 12)

Und so erblickt der Rezensent den inhaltlichen Höhepunkt in Flügges Auseinandersetzung mit einem namenlos bleibenden jungen Geistlichen (S. 64-73), die ausgehend von der für Flügge frustrierenden Beobachtung unterbestimmter Predigtpraxis eine kleine Homiletik skizziert. Mut zur These, Mut zur Echtheit, Mut zur Emotion und Mut zur theologischen Substanz sind ihre Eckpunkte. Diese vier Eckpunkte bilden für den Rezensenten zugleich so etwas wie die positive Summe dieses Buches. Dass es diese vier Eigenschaften sind, die Flügge, der selbst einige Semester römisch-katholische Theologie studiert hat, für notwendige Charakterzüge kirchlichen Redens hält, durchzieht seine Ausführungen wie ein roter Faden; seine konkreten Vorschläge sind als Ausbuchstabierungen dieser Eckpunkte zu verstehen, die von ihm berichteten positiven Erfahrungen als Beispiele.

So ist es auf eine gewisse Weise bedauerlich, dass Flügge nicht Pfarrer geworden ist – seine Veröffentlichung bietet Anlass zur Vermutung, dass er einer derer hätte sein können, die die von ihm skizzierte Vision eines Predigerseminars mit Leben hätte füllen können: „… dass diejenigen Priester, die herausragend zu sprechen wissen, das Predigen lehren sollten“ (100.)

[1] Priestertum aller Gläubigen hin oder her – auch der Protestantismus tendiert in seiner Praxis dazu, alle Verantwortung dem Pfarrer zuzuschieben.

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