Die EKD und die Politik II: Noch immer zu kurz gegriffen!

In den folgenden Wochen möchten wir die Frage in den Fokus stellen, ob und inwieweit die Kirchen allgemein und im Besonderen die EKD politisch agieren sollten. Den Auftakt dieser Diskussion bildete dieser Beitrag von Ulrich Kronenberg. Nun greift Tobias Graßmann (Twitter: @luthvind) die Fragestellung in seiner Replik auf und widerspricht teilweise. Wir freuen uns über eure/ihre rege Beteiligung in den Kommentarspalten. [Die Redaktion]

Noch immer zu kurz gegriffen!

Vorige Woche hat an dieser Stelle Ulrich Kronenberg das Wort ergriffen. Aus seinem kämpferischen Artikel spricht deutlich der Ärger über die Diskurshoheit linksliberaler Kräfte innerhalb der evangelischen Kirchen. Den führenden Kreisen innerhalb der Landeskirchen wirft Kronenberg vor, sich dem „linkslastigen“ Zeitgeist angepasst zu haben. Das habe zu einem theologischen Substanzverlust geführt, Menschen ihre geistliche Heimat genommen und politisch Andersdenkende regelrecht aus der Kirche getrieben. Die Schärfe seiner Polemik und die Wortwahl, bei der in meinen Ohren immer wieder auch Parolen vom rechten Rand anklingen, finde ich eher problematisch. Gleichzeitig gestehe ich zu, dass ich Teilen seiner Problemanzeige durchaus zustimme.

Über seiner Polemik gelangt Kronenbergs Artikel allerdings nicht zu einem nüchternen Blick auf die Ursachen der Krise. Die Vormachtstellung linker Strömungen hat damit zu tun, dass ein konservativ-bürgerliches Gegengewicht innerhalb der Kirche fehlt. Diese konservativen Kräfte wurden nun nicht per Dolchstoß von ihren Feinden erledigt. Man kann sagen: Sie haben sich ihren intellektuellen und moralischen Bankrott mühsam selbst erarbeitet. Durch unheilige Allianzen mit autoritären Kräften innerhalb der Gesellschaft und den vergeblichen Versuch, mittels kirchlichem Einfluss die Emanzipation von Arbeitern, Frauen und Minderheiten zu blockieren, wurde im Laufe des fatalen 20. Jahrhunderts ein gewaltiges Maß an kirchlichem Vertrauen verspielt. Dieser Glaubwürdigkeitsverlust in der Mitte der Gesellschaft wirkt sich heute wohl stärker aus als aller Moralismus, alle Naivitäten und alle Einseitigkeiten der linksprotestantischen Gegenseite zusammen.

Wenn dann sogar, wie in dem von Kronenberg in einer Fußnote angeführten Zitat von Hermann Dietzfelbinger, die plurale Gesellschaft als der eigentliche Feind der Kirche dargestellt wird, während die Gleichschaltungspolitik der Nazis als bloßes „Vorhutgefecht“ abgetan wird, zeigt sich, dass man im konservativen Lager aus vergangenen Fehlern nichts gelernt hat. Das gewagte Manöver Dietzfelbingers, einen Anspruch auf das moralische Kapital des Kirchenkampfs zu erheben und diesen im gleichen Moment auf bizarre Weise zu relativieren, spricht eigentlich für sich!

Nun wurde bereits zu Anfang geurteilt, dass Kronenbergs Kritik zwar einseitig, aber nicht gänzlich unberechtigt ist. Der offiziell gepflegte politische Diskurs innerhalb der evangelischen Kirchen hat in den letzten Jahrzehnten schon etwas Schlagseite bekommen. Doch weder mit konservativ-bürgerlicher, noch mit linksliberaler (oder gar nationalistischer!) Politik darf sich Kirche einseitig identifizieren. Die alleinige Vormachtstellung politischer Strömungen hat dem Protestantismus nie gut getan…

Aber sollten sich die Kirchen deshalb weitgehend aus der Tagespolitik zurückziehen und sich wieder stärker auf die Frage des individuellen Heils konzentrieren? Kronenbergs Argumentation scheint in diese Richtung zu zielen. Sein Artikel erinnert damit an Kritik, welche jüngst konservative Politiker wie Wolfgang Schäuble oder Thomas de Maizière an der angeblichen Politisierung der Kirchen geübt haben (und ähnlich auch z.B. die Theologin Petra Bahr). In diesem Zusammenhang wird immer wieder auf die lutherische Lehre von den zwei Reichen bzw. Regimenten Gottes verwiesen. Doch sollte sich der Auftrag der Kirche wirklich darin erschöpfen, sonntags dann der Sachbearbeiterin ein warmes Gefühl zu verschaffen, nachdem sie werktags gewissenhaft die Ausreisebescheide abgelehnter Asylbewerber ausgestellt hat?

Die lutherische Lehre von den zwei Regimenten Gottes meint doch wohl etwas anders! Kirche und Staat sind jeweils auf ihre Weise gute Einrichtungen Gottes, aber mit verschiedenen Zwecken und je eigener „Systemlogik“. Religion und Politik sollen und können deshalb zwar nicht strikt getrennt, aber doch möglichst klar unterschieden werden. Die Unterscheidung befreit sie zu ihrer jeweiligen Eigenlogik. Das bedeutet, dass die Kirchen auch in politischen Stellungnahmen nur ihrem Bekenntnis verpflichtet sind – und nicht den Wünschen des Staates! Das heißt im Gegenzug aber auch, dass es theologisch unzulässig ist, Politik und Staat religiös vereinnahmen zu wollen.

Für kirchliche Stellungnahmen in politischen Fragen folgt deshalb erstens, dass Kirche als politischer Akteur die Spannungsfelder politischer Debatten genau wahrnehmen muss. Sie darf nicht versuchen, mit religiöser Autorität falsche Eindeutigkeit zu erzeugen, wo es sich tatsächlich um komplexe Abwägungsfragen handelt. Zweitens folgt daraus aber auch, dass Kirche einige Mühe darauf verwenden sollte, ihr politisches Handeln methodisch sauber aus ihrem christlich-theologischen Selbstverständnis zu entwickeln.

Hier wurzelt das Problem, das Ulrich Kronenberg als „geistigen Heimatverlust“ bezeichnet hat: Man kann mitunter den Eindruck haben, dass in Stellungnahmen zu politischen und ethischen Fragen das Evangelium von Jesus Christus gänzlich in den Hintergrund tritt. Die Kirche spart selten mit moralischen Appellen, aber wie verhalten sich diese eigentlich zur Botschaft von der freien Gnade Gottes? Oftmals gelingt es nicht, einen stimmigen Zusammenhang etwa zwischen dem christlichen Einsatz für Randgruppen und den religiösen Vorstellungen traditioneller Christinnen und Christen herzustellen. Die innere Einheit von Glaube und politischem Engagement wird oft behauptet – aber lässt sie sich auch mit Leben füllen?

Kronenberg ist deshalb grundsätzlich zuzustimmen, wenn er den theologischen Substanzverlust anprangert. Berechtigterweise kritisiert er den Moralismus, den viele Theologinnen und Theologen in politischen Fragen an den Tag legen. Doch diese handeln gerade nicht politisch, wo sie lediglich als „moralische Instanzen“ das Wort ergreifen. Statt politische Verantwortung zu übernehmen, inszenieren sie sich lieber als „prophetische“ Wächtergestalten, die jenseits des demokratischen Ringens stehen. Aber nur in oft mühsamen und langwierigen Prozessen können angemessene Lösungen und im Idealfall ein breiter, tragfähiger Konsens ausgehandelt werden. Besonders fatal ist, wenn dabei der Eindruck entsteht, der Bezug auf Reformation und Bibel sei nur noch schmückendes Beiwerk oder rhetorisches Stilmittel.

Theologinnen und Theologen, die in politischen Debatten für die Kirche das Wort ergreifen, sollten im Lichte der lutherischen Zwei-Regimenter-Unterscheidung sorgfältig die eigene Rolle klären. Es schadet nicht, die eigenen Interessen mehr als nur einmal kritisch zu beleuchten. Dabei könnten Leitfragen wie die folgenden helfen:

  • Gibt es vom theologisch-ethischen Standpunkt her einen Spielraum legitimer Positionen, der von Seiten der Kirche nicht eingeengt werden sollte?

  • Finden die religiösen Empfindungen und Bedürfnisse der Kirchenmitglieder auch in ihrer Vielfalt angemessene Berücksichtigung?

  • Wird aus dem Geist des Evangeliums heraus gesprochen oder tendenziell nur versucht, eine bestimmte politische Agenda religiös zu grundieren?

  • Mache ich meine christlich-theologischen Beweggründe auch ausreichend transparent?

  • Wird Andersdenkenden faktisch das Christsein abgesprochen, wenn es etwa mit einem kirchentypischen Zeigefinger-Satz heißt: „Wir als Christen sollten heute …“?

Auch dort, wo die Anliegen kirchlicher Stellungnahmen aus meiner Sicht unbedingt zu begrüßen sind (etwa in der Flüchtlingsfrage oder der Neubewertung homosexueller Partnerschaften), ist solche Selbstprüfung dringend geboten. Denn nur auf diesem Weg kann der fatale Eindruck vermieden werden, als hätte eine bestimmte politische Strömung die Kirche „geentert“ und einseitig zum Instrument ihrer gesellschaftspolitischen Agenda gemacht. Ulrich Kronenberg ist dafür zu danken, dass er mit seiner Polemik den Finger in diese Wunde legt und gerade auch den Linksprotestantismus provoziert, hier genauer hinzusehen.

Tobias Graßmann ist Vikar in der Thomaskirche Würzburg/Grombühl.

Ein Gedanke zu “Die EKD und die Politik II: Noch immer zu kurz gegriffen!”

  1. Oh mein Gott, was kümmert ihr euch um die Welt. Was denkt ihr, hätte Yeshua gemacht? Wenn ihr meint es zu wissen, dann folgt IHM nach und handelt entsprechend. Und ja, die Frage ist nur zu deutlich: wie weit ist die Kirche von der Lehre Yeshuas entfernt?

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