Von konkreter Theologie und Theologie im Konkreten

Notizen zum Treffen des NThK-Teams in Würzburg

von Niklas Schleicher

Vor über zwei Jahren startete das Netzwerk Theologie in der Kirche seine Arbeit, bis jetzt vor allem als Blog unter nthk.de, bei dem kontinuierlich Artikel von durchgehend gutem Niveau veröffentlicht wurden. Nun ist dies schon ein Ergebnis, dass die Mehrheit der Beobachter vielleicht nicht unbedingt erwartet haben und uns in gewisser Weise sehr freuen kann. Jedoch: Die Idee hinter NThK war schon immer mehr als allein ein (wenn freilich auch gutes) Blog zu bieten. Um über die Ideen zu diskutieren und Strategien zur Umsetzung zu entwickeln, traf sich das Kernteam des Netwerkes am 10. und 11. Februar in Würzburg.
Zu diesem ersten Treffen – abgesehen von einer kurzen spontanen Zusammenkunft in Neuendettelsau – versammelten sich Claudia Kühner-Graßmann, Tobias Graßmann, Tobias Jammerthal, Julian Scharpf, Michael Thiedmann, Niklas Schleicher und, als neues Mitglied des Teams, Christian Kamleiter in der altehrwürdigen Gemeindebibliothek der Thomaskirche Würzburg-Grombühl. Unterstützt wurden wir dabei von unserem jüngsten Ehrenmitglied Arthur Graßmann.

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Tobias Graßmann stellte in einem ersten Impuls fest, dass es im kirchlichen Leben und Alltag mehrere Problemfelder gibt. So ist die Stimmung geprägt von einem lähmenden Krisenbewusstsein. Doch anstelle effizienterer Arbeit treten Reformvorschläge, die über Absichtserklärungen nicht hinauskommen. Es fehlt der kirchlichen Arbeit zunehmend eine theologische Basis, ein Interesse an Theologie. Die Theologie zurück in die kirchliche Praxis zu bringen, sollte und kann ein Ziel von NThK sein.
Niklas Schleicher stelle spiegelbildlich für die Lage der akademischen Theologie fest, dass auch hier wieder Theologie getrieben werden muss, und zwar in dem Sinne, dass wieder die Sache des Faches als Ganzes in den Fokus gestellt wird. Der Stoff der Uni muss wieder Bedeutung für die theologische Existenz des Einzelnen, der Einzelnen bekommen. Dies geht aber, so die These, nur, wenn auch der Einzelne und seine persönliche religiöse Erfahrung Platz zur Reflexion im akademischen Curriculum haben.
In der folgenden Aussprache, die auch am Donnerstag fortgesetzt wurde, ist der Vorschlag entwickelt worden, mit dem Begriffspaar „Theologie“ und „konkret“ auszudrücken, was unsere Erwartungen an die jeweiligen Felder sind: konkrete Theologie als Erwartung an die akademische Theologie und Theologie im Konkreten als Erwartung an die kirchliche Praxis.
Um diese Vermittlungspraxis zu erreichen, sollte sich NThK vier „Tugenden“ zu eigen machen, die sich gegenseitig auslegen oder ergänzen: Kollegialität, Befähigung, Erfahrungsbezug und positionelle Theologie. Diese Tugenden wären für die Praxis der Theologie und Kirche insgesamt wünschenswert, reagieren sie doch auf die oben angezeigten Desiderate.
Mit Kollegialität ist eine gemeinsame Debatten- und Arbeitskultur gemeint, die sowohl zwischen unterschiedlichen kirchlichen Amtsträgern als auch zwischen Theologen in Kirche und Universität herrschen sollte. Damit ist nicht gemeint, dass es notwendig ist, eine in allen Fragen einheitliche Linie zu finden und Streit per se für kontraproduktiv zu erklären. Vielmehr der Streit um die Sache produktiv für Kirche und Theologie. Es darf eben nur nicht vergessen werden, dass es der anderen Partei genauso um die Sache geht wie einem selbst.
Befähigung beschreibt die Notwendigkeit, seine eigene Sprachfähigkeit stetig aufrecht zu erhalten und zu steigern. Gerade in Zeiten, in denen auf der einen Seite die Traditionen nicht mehr jedem zu eigen sind und auf der anderen Seite, Kirche in ethischen Fragen zunehmend gefragt ist, ist es von eminenter Bedeutung, kompetent und sachgemäß über Fragen des Glaubens und der Lebensorientierung Auskunft geben zu können. Dazu gehört, sowohl für den kirchlichen Amtsträger, als auch für den Universitätstheologen, die Bildung eines eigenen theologischen Standpunkts.
Diesen Standpunkt engagiert vertreten zu können und mit anderen ins Gespräch zu bringen, ist unter positioneller Theologie verhandelt. Damit ist eine Theologie gemeint, die ihrer Herkunft bewusst ist, die geschichtlich gebildet ist, die aber weder in reiner theologiegeschichtlicher Arbeit noch in religionsphilosophischer Spekulation stecken bleibt. Nur von einer eigenen Position aus ist der produktive Streit und die produktive Debatte mit anderen Auslegungen möglich und fruchtbar.
Erfahrungsbezug meint, dass sich unser theologisches Arbeiten mit den konkreten Geschehnissen anderer Menschen und der Welt auseinandersetzen muss. Nur wenn sich unsere Theorie von konkreten Erfahrungen irritieren lässt, ist es möglich, dass unsere Theorie in der Lage ist, uns dazu zu befähigen, das Evangelium in die jeweilige Situation sprechen zu lassen. Gerade auch Erfahrungen der Endlichkeit, der Verletzlichkeit, der Normalität und die Erfahrung in der Minderheit zu sein, müssen in unserer theologischen Praxis eine Rolle spielen.
Um diese Punkte einzuüben und in Anschlag zu bringen, wird es in naher Zukunft einige neue Artikelreihen auf nthk.de geben. Aber auch andere Initiativen und Projekte sind in Planung, mit denen wir hoffen ihr/euer Interesse am Netzwerk weiter hochzuhalten oder zu befeuern.

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