So nicht!

Tobias Jammerthal bezieht Stellung zum aktuellen Streit in der evangelikalen Bewegung, angestoßen durch Ulrich Parzanys scharfe Kritik an EKD-Ratsmitglied Dr. Michael Diener.

In einem am 23. Januar 2016 in Kassel veröffentlichten „Kommuniqué über die Beratungen zum Thema ‚Gemeinsam widerstehen und Christen in den Auseinandersetzungen um Grundfragen des christlichen Glaubens Orientierung geben‘“1 haben 65 Personen unter Verweis auf Jesus Christus, seine Apostel, die Reformatoren und die Väter der Barmer Theologischen Erklärung einen „offene[n], energische[n] Streit um die Wahrheit“ gefordert.

Nun ist an einem offenen und energischen Streit um die Wahrheit in der Tat nichts verwerflich. Aber geriert sich nicht das Kasseler Kommuniqué als ein Versuch, eben diesen offenen Streit im Keim abzuwürgen? Anlass des Textes ist es, dass der Vorsitzende der Deutschen Evangelischen Allianz und Präses des Gnadauer Verbandes, Michael Diener, in zwei Interviews2 dazu auffordert, darüber nachzudenken, ob diejenige Auslegung der Heiligen Schrift, welche einen integrativen Umgang mit Homosexuellen fordert, nicht doch auch ein Körnchen Wahrheit enthalten könnte. Was ist das Anderes als die Eröffnung just eines solchen offenen und energischen Diskussionsprozesses?

Offenbar ist Diskussion aber das Gegenteil dessen, was die Verfasser des Kasseler Kommuniqués wünschen. Zwischen den Zeilen schimmert immer wieder heraus, dass der „offene, energische Streit um die Wahrheit“ vor allem bedeuten soll, dass Positionen wie die in diesem Text Vertretene widerspruchslos propagiert werden können – anders als andere.

Das Kasseler Kommuniqué ist also mitnichten ein gewöhnlicher Diskussionsbeitrag in einem offenen Streit um die Wahrheit. Es ist vielmehr ein Text, der ungeachtet seines bekenntnishaft daherkommenden Sprachstils in Kaskaden von Verwerfungen und assertorischen Behauptungen wesentliche Einsichten des christlichen Glaubens vermissen lässt:

I. Das Kasseler Kommuniqué arbeitet mit klaren Gruppenzuweisungen: die Rede ist von „der evangelikalen Bewegung“ und „biblisch orientierte[n] Gemeinden“, die sich im Gegenüber zu „den evangelischen Kirchen“ und insbesondere ihren Leitungsorganen befänden.

Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden, damit sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast“ (Joh 17,20+21)

Ist etwa Christus zerteilt? Wenn Eifersucht und Zank unter euch sind, seid ihr da nicht fleischlich und lebt nach Menschenweise?“ (1 Kor 1,13; 3,3).

In der Kirche Jesu Christi gibt es wohl unterschiedliche Auffassungen in vielen Fragen. Wo jedoch Parteiungen entstehen, die danach suchen, einander zu dominieren und die einander aus der einen Kirche Jesu Christi herausdefinieren wollen, tritt das ein, wogegen der Apostel Paulus im Ersten Korintherbrief anschreibt, und was dem Wunsch des Herrn Hohn spricht.

II. Das Kasseler Kommuniqué verwirft die Möglichkeit unterschiedlicher Verstehensweisen einzelner Aussagen der Heiligen Schrift.

So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.“ (Röm 3,28)

So seht ihr nun, dass der Mensch durch Werke gerecht wird, nicht durch Glauben allein.“ (Jak 2,24)

O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege!“ (Röm 11,33).

Die Heilige Schrift ist in ihrer wesentlichen Aussage klar: Gegenstand des christlichen Glaubens ist die Erlösung des sündigen Menschen durch Jesus Christus. Doch die Voraussetzungen und Folgen dieses Christusgeschehens werden schon in der Bibel selbst unterschiedlich interpretiert und verschieden akzentuiert. Schließlich übersteigt dieses Geschehen das Fassungsvermögen des menschlichen Intellekts – dies zeigt auch das Beispiel des Kämmerers aus Äthiopien (Apg 8,26-40). Darum ist bereits das Zeugnis der Apostel von diesem Geschehen, wie wir es im Neuen Testament finden, im Bekenntnis zu Christus als dem Grund des Heils einmütig, in der Formulierung lebenspraktischer Konsequenzen aus diesem Bekenntnis jedoch vielfältig.

III. Das Kasseler Kommuniqué widerspricht der Ansicht, in der Kirche Jesu Christi seien „auch solche Mitchristen [zu] akzeptieren, die in Sünde leben und die diese Sünde gegen Gottes Willen rechtfertigen.“

a. „Sie sind alle abgewichen und allesamt verdorben. Da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer“ (Ps 14,3)

Es ist hier kein Unterschied: sie haben alle gesündigt und ermangeln der Gerechtigkeit, die sie bei Gott haben müssten“ (Röm 3,22+23).

In der Barmer Theologischen Erklärung beschreibt die Kirche sich selbst zutreffend als „Kirche der begnadigten Sünder“ (Th. 3). Wer meint, Glaubensgenossen, „die in Sünde leben“ als klar umrissene Gruppe definieren zu können, irrt.

b. „Mein ist die Rache, ich will vergelten.“ (5 Mos 32,35)

Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet“ (Mt 7,1).

Weil die Kirche eine Gemeinschaft begnadigter Sünder ist, tun ihre Glieder gut daran, die ihnen widerfahrene Erbarmung weiterzugeben und nicht das an ihnen vorübergegangene Urteil Gottes (welches sie überdies nicht kennen) an Anderen vollstrecken zu wollen. Wer auch immer die Versuchung danach verspürt, seine Glaubensgeschwister der Hölle preisgeben zu wollen, sei an das Gleichnis vom Schalksknecht (Mt 18,21-35) erinnert.

Streit um die Wahrheit also gerne – aber so nicht! Verbale Abrüstung und etwas Demut stehen einem jeden Christen wohl an. Bei der Diskussion anstehender Sachfragen gemeinsam auf das Wort Gottes zu hören und um Einsicht zu beten: dieses Vorgehen hat der Kirche beim sogenannten Apostelkonzil (Apg 15) nicht geschadet. Es steht ihr auch weiterhin wohl zu Gesichte – anders als Selbstgewissheit und das Schwingen der Ketzerkeule.

Tobias Jammerthal, Tübingen.

1 http://www.idea.de/thema-des-tages/artikel/keine-spaltung-der-evangelikalen-bewegung-83659.html. Zitate aus dem Kasseler Kommmuniqué sind samt und sonders dieser Seite entnommen, auf die im Folgenden nicht mehr einzeln verwiesen wird.

5 Gedanken zu „So nicht!“

  1. Erst einmal vorweg: Inhaltlich zu diesem Post meine 100%ige Zustimmung.

    Wenn Du aber die Barmer Theologische Erklärung schon erwähnst, solltest Du nicht an dem Skandal vorbeigehen, dass Parzany hier den Streit um die Annerkennung homosexueller Liebe mit der widerständigen Haltung der Barmer Erklärung gleichsetzt. Eine Unterdrückung Evangelikaler durch die EKD ist mir allerdings nicht bekannt.

    Auch wenn ich, an dieser Stelle, nichts gegen deine Bibelauslegungen einzuwenden habe, ist das „Gebibel“ natürlich bestürzend anfällig: Widerlegungen, d.h. entgegenlautende Bibelstellen und Auslegungen, findet man wohl eben so in der Schrift.

    Soweit meine kurzen bundesbrüderlichen Einsprüche.

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    1. Ich lese Tobias Text ja so, dass er unter II. gerade diese innere Vielfalt des biblischen Zeugnissen einschärfen möchte. Welche Bibelstellen man wie heranzieht, das hängt natürlich immer von hermeneutischen und theologischen Entscheidungen ab. Mit anderen Bibelstellen kann man eine andere Position vertreten. Das Problem dieser Evangelikalen ist doch, dass sie (anders als etwa Tobias Jammerthal) diese Vielstimmigkeit bestreiten.

      Aber die Frage ist auch: Bedeutet das, dass wir die Bibelstellen lieber den Fundamentalisten überlassen sollten und als Theologen dann eben nur noch mit den Anfordernungen „der Moderne“, moralischen Empfindungen und dem Gleichbehandlungsgesetz argumentieren? Mir wäre das theologisch zu wenig. Wir sollten schon den Beweis anstreben, dass auch und gerade wir uns auf die Bibel berufen können!

      Ansonsten handelt man sich zurecht den Vorwurf ein, die Bibel immer nur dann gelten zu lassen, wenn sie einem gerade für ein persönliches Anliegen gelegen kommt.

      Ob eine biblische Argumentation auch Evangelikale überzeugt, steht dann noch einmal auf einem anderen Blatt…

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  2. Wenn die Evangelikalen an die Existenz des Teufels galuben, was ich hiermit mal voraussetze, dann ist zu konstatieren: Über diesen Streit lacht sich der Teufel ins Fäustchen und sagt sich, er habe es einmal wieder geschafft, die Christenheit zu zerspalten, der Welt zum Hohn, den Mächten der Finsternis zum Spott. Man kann ja verschiedener Meinung sein über ethische Fragen; Martin Luther hätte an dieser Stelle vielleicht gesagt, es sei die Sache mit der Homosexualität ein weltlich Ding und unterstehe nicht dem geistlichen Regiment; vielleicht hätte auch anders entschieden, wer weiß…! Auf jeden Fall müssen wir Christen bei Streitfragen – die, wie gesagt, sein dürfen! – beieinander bleiben und dürfen uns nicht voneinander trennen, wie dies Ulrich Parzany anstrebt. Meine Enttäuschung über diesen von mir vorher verehrten Mann ist groß.

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    1. „Dabei wird jedermann erkennen, daß ihr meine Jünger seid, so ihr Liebe untereinander habt“ (Johannes 3,35): Lieber riepchiep, genau darum darum geht es. Sie haben den Finger in die Wunde gelegt. Man kann untereinander verschiedener Meinung sein; aber die Liebe untereinander darf dabei nicht beschädigt werden. John Wesley sagte einmal: „Und darum bitte ich euch, Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass keinerlei Spaltung zwischen uns sei. »Ist dein Herz aufrichtig gegen mich wie mein Herz gegen dein Herz?«Ich stelle keine weiteren Fragen. »Wenn es so ist, dann gib mir deine Hand!« Lasst uns nicht um bloßer Meinungen und Begriffe willen »Gottes Werk zerstören«! (…) Liebst du Gott und dienst du ihm? Das genügt; ich reiche dir die rechte Hand zur Gemeinschaft“ (aus: Kennzeichen eines Methodisten, Seite 14).

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