Glaube und Religion neu unterscheiden lernen!

Zum Weihnachtsfest freuen wir uns, eine E-Mail von Prof. Hans-Martin Barth publizieren zu dürfen.

Mit seiner E-Mail antwortet der Autor auf die Besprechung seines Buches „Konfessionslos glücklich? Wege zu einem religionstranszendenten Christsein“ von Tobias Graßmann.

Sehr geehrter Herr Graßmann,

vor zehn Tagen bin ich aus Rom zurückgekommen, wo ich zwei  Wochen lang tätig war – so erklärt sich, dass ich Ihnen erst heute auf Ihre Ausführungen zu meinem „Konfessionslos glücklich“ antworte. Zunächst einmal finde ich Ihre Vernetzungs-Initiative toll; ich hatte noch nicht davon gehört – so etwas führt weiter! Nun zu Ihrem Text. Kleine Vorbemerkung: „Konfessionslos glücklich“ –  im Hintergrund des Titels habe wohl der „Wille zum griffigen Wortspiel“ (Ihre S.2) gestanden (Ihre S.2). Dazu fällt mir doch gleich ein „Nicht nichts“ …  🙂   Sie haben sich ungewöhnlich intensiv mit meinem Ansatz beschäftigt und mich an vielen Stellen verstanden.  Dass die Thematik mich innerlich sehr beschäftigt hat und auch noch weiter in mir arbeitet, dürfen Sie mir glauben! Daher vielleicht der „Ton des Bekenners oder Propheten“. Sit venia! Auch Ihnen ist sie offensichtlich wichtig.

Sie sehen in meinen Ansatz „das Gift des religionsgeschichtlichen Stufenmodells“ am Werk. Das Modell hat seine eigene Plausibilität. Wenn Sie die Religionsgeschichte ernst nehmen, werden Sie es kaum umgehen können. Ich denke auch nicht (wertend) an einander ablösende Stufen, sondern an beobachtbare Differenzierungsvorgänge.  Wieso „man“ mein „Denken in Entwicklungsstufen nicht übernehmen“ sollte, wird mir aus Ihren Ausführungen nicht ersichtlich. Nun zu Ihrem Gegenentwurf: „Die Unverzichtbarkeit des Gottesgedankens“. Welches Gottesgedankens? Wieso soll der „Gottesgedanke“, wenn ich von Jesu Vertrauen, Lieben und Hoffen spreche, wie es Christen und Christinnen seit Jahrhunderten ansteckt und beflügelt, ausgeschaltet sein? Es ist der traditionelle theistische Gottesgedanke, der ausgeschaltet wird, aber selbst die Anschlussfähigkeit zum trinitarischen Denken, das Sie von meiner Dogmatik her kennen, bleibt erhalten. Dass es sich bei religionstranszendierender Jesusnachfolge nicht mehr „um eine Form von „‚Christsein'“ handeln kann, wird von Ihnen dekretiert. Dazu wäre nicht nur von Mt 25 her mehreres zu sagen. Im übrigen widersprechen Sie Ihrem harschen Urteil (Ihre S. 13) dann mit Ihrer freundlichen Bemerkung selbst: „… unbestreitbar christlich. Das ist beileibe nicht nichts.“  Wenn Sie dann abschließend ex cathedra zufügen, das sei aber „schlicht zu wenig“, kann ich nur schlicht entgegnen: Auch mir ist das zu wenig! Aber das haben Sie offenbar nicht wahrgenommen. Dazu sollten Sie das 8. Kapitel im 2. Teil meines Buchs noch einmal etwas genauer lesen. Im übrigen könnte dieses von Ihnen (und mir) als defizitär empfundene  „nicht Nichts“ für manche Menschen der Ausgangspunkt dafür sein, dass sich ihnen „Alles“ erschließt.

Bei Ihren Ausführungen (Ihre S. 13) zu den „beiden Anliegen“, die „von Gott her bewahrt und (…) in ein heilsames Verhältnis gebracht werden“ können, fühle ich mich Ihren Überlegungen wiederum sehr nahe: „die Möglichkeiten des Menschseins auszuloten“ / „um einen angemessenen Gedanken von Gott“ ringen. Nein, keine „Rhetorik der schroffen Gegensätze“, die Sie mir (S. 6) rhetorisch unterstellen, sondern Klärung der Gegensätze mit dem Ziel einer heilsamen Integration!  Dabei kann weniger der „Mittelweg“ (Ihre S. 5) als die versöhnte Differenzierung geboten sein. Dass ich „traditionell geprägte Gemeindeglieder“ sowie die „professionellen Vermittler von Religion“ „fast ausschließlich als verbohrt und defizitär“ schildere (Ihre S. 6), kann ich nicht finden, es war jedenfalls mit Sicherheit nicht meine Absicht.

Wie soll es weitergehen? Gottes „Strittigkeit“ (Ihre S.11) ist „religiöser Weg in den Dialog“ vielleicht noch für religiöse Menschen, nicht aber für diejenigen, die sich von der Religion verabschiedet haben. „Gott“ ist für viele Menschen kein Thema mehr, erst recht nicht seine „Strittigkeit“. Christliche Verkündigung muss nicht mit der Rede von Gott einsetzen, sondern tapfer und kerygmatisch mit der Gestalt und dem Geschick Jesu – und mit dem Zeugnis derer, die ihm gefolgt sind. Wir brauchen eine neue, nicht-theistisch orientierte Christologie. Wahrscheinlich müsste sie pneumatologisch ansetzen. Von hier aus kann sich dann die Frage nach der „Strittigkeit Gottes“ ergeben. Aber mit ihr einzusetzen, dürfte sich heute weithin nicht mehr empfehlen.

Wie sehr ich versucht habe, die Gestalt Jesu, sein Vertrauen, Lieben und Hoffen ins Zentrum zu rücken, ist Ihnen nicht wichtig gewesen. Oder ist es mir nicht gelungen, das deutlich zu machen? Die Botschaft Jesu und die Botschaft von Jesus gehen nicht darin auf, religiöse Gefühle, Riten und Theorien auszulösen. Wir müssen und dürfen Glaube und Religion neu unterscheiden lernen. Auch das wird von Ihnen kaum beachtet. Es scheint mir aber im Blick sowohl auf die Areligiösen als auch auf die Religiösen nötig. Der „Tegeler Theologe“, der auch sonst in der Bonhoeffer-Literatur keineswegs „mystifzierend“ (Ihre S. 8) als solcher bezeichnet wird, hat das in den bündigen Satz gepackt: „Jesus ruft nicht zu einer neuen Religion auf, sondern zum Leben.“ Nun zu Ihrem „Verdacht“ (Ihre S. 10): Nur eine Apologetik-taugliche „interessegeleitete Abstraktion von konkreter christlicher Religion“? Nein, lieber Herr Graßmann. Vielleicht haben Sie in Ihrem Vikarsdienst  schon einmal an einem Sterbebett gesessen. Am Sterbebett eines mir wichtigen Menschen hat sich mir die Frage bedrängend präzisiert, was denn wohl im Sterben zählen wird: die Dogmatik oder der bedingungslose „Glaube, der nichts als Glaube ist“.

Mit herzlichen Grüßen und guten Wünschen für Ihre weitere theologische Arbeit und Ihr praktisches Tun im Licht des Advent und der kommenden Weihnacht

Hans-Martin Barth

PS: Sie können meine Antwort gern in Ihr Netzwerk stellen.

Ein Gedanke zu “Glaube und Religion neu unterscheiden lernen!”

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