Einführende Überlegungen zum Bibelverständnis Teil 2: NT

von Leif Rocker

Das NT zeigt sich meiner Meinung nach etwas anders, was damit zu tun haben mag, dass sich zur Zeit der Abfassung seiner Schriften schon eine Religion mit ihren Traditionen und „religiösen Sprache“ entwickelt hat, während zwischen den Texten im AT teils Jahrhunderte liegen, in der sich immer wieder Schwerpunkte, Aussagen u.ä. neu sortiert haben. Das ist nicht ganz unwichtig zu erinnern, wenn man sich die Intentionen der NT-Verfasser vor Augen führen will, die ja zum großen Teil selber Juden waren.

Zusätzlich finden sich im AT im Vergleich zum NT mehr Variationen in den Gattungen.

Die Briefe des Paulus (auch die „unechten“, also auf einen Pseudepigraphen zurückgehenden) sowie die Briefe des NT, die nicht unter Paulus Namen abgefasst wurden, sind sicherlich alle zu bestimmten oder relativ konkreten Ereignissen verfasst worden, die man aus ihren Zeilen erschließen kann (also z.B. Streitigkeiten über die Auslegung des Glaubens usw.).1 Was aber wichtig ist, ist dass die frühesten Paulus-Briefe nach gängiger Datierung auch gleichzeitig die ältesten Belege des christlichen Selbstverständnisses sind, da das früheste Evangelium (Markus) erst nach den paulinischen Frühschriften in seiner heutigen Fassung entstanden sein dürfte (ca. 70 n. Chr.).

Außerdem zeigen die Briefe des NT schon deutlich stattfindende Theologie, indem sie auf ihre Art die Schriften auslegen.2

Das Hauptaugenmerk aber – und so ist das NT ja auch angeordnet – liegt hier auf den Evangelien (plus Apostelgeschichte). Eine weitere Besonderheit bildet die Johannes-Offenbarung.

Das Markus-, Matthäus- und das Lukasevangelium werden auch als die synoptischen Evangelien bezeichnet, da man recht gut nachvollziehen kann, dass sie auf gemeinsamen Quellen aufbauen. Die momentan verbreitetste Theorie ist, dass Markus das älteste Evangelium bildet, gefolgt von Matthäus und anschließend dem lukanischen Doppelwerk (Evangelium und Apostelgeschichte). Gängig ist die Überlegung, dass Matthäus und Lukas jeweils das Markus-Evangelium als Grundlage benutzt haben sowie jeweils Stoff aus unbekannter Quelle (bezeichnet als Sondergut Matthäus bzw. Sondergut Lukas) und der gemeinsamen Spruchquelle Q. Dafür setzt man eine Sammlung von Jesu Aussprüchen voraus, wie das ja auch durch das apokryphe Thomas-Evangelium als Form bekannt ist.

Das Johannes-Evangelium gilt als jüngstes und ist auch durch die zugrunde liegenden Quellen von den Synoptikern zu unterscheiden.

Zum historischen Wert der Evangelien bleibt zu erinnern, dass es hier (ähnlich wie bei den AT-Schriften) zunächst nicht darum geht, ein genaues biografisches Bild von Jesus zu zeichnen, sondern vor allem darum, seine Botschaft zu verkünden und gleichzeitig seine besondere Gottesverbindung zu verkünden. Auch darf nicht vergessen werden, dass die vorliegenden Schriften nicht von Augenzeugen verfasst wurden, sondern auf Erzählungen und weiteren Stoff zurückgriffen, die über die Jahrzehnte nach Jesu Tod im Umlauf waren.

Sehr unstrittig kann die Frage beantwortet werden, ob Jesus gelebt hat oder nicht. Neben dem NT haben wir auch außerbiblische Quellen (etwa Josephus). Nach wissenschaftlichem Standard kann damit von einer Existenz Jesu von Nazareth ausgegangen werden. Es stellt sich jedoch die Frage, wie man sich diesen vorzustellen hat. Denn die Evangelien und weiteren Schriften des NT kommen ja schon von einem Verkündigungspunkt her und sind keine objektiven Berichterstattungen. Man unterscheidet dabei zwischen dem historischen Jesus und dem kerygmatischen Jesus.

Hier ist jetzt nicht der Platz, um die Jesus-Forschung genauer nachzuzeichnen. Daher sei gesagt, dass die relativ sicheren Angaben für den nüchternen Forscher in etwa folgende sind:

– Jesus von Nazareth, geboren wahrscheinlich in den letzten Jahren der Regierung Herodes des Großen (also noch vor dem Jahre 0 unserer Zeitrechnung), war ein Wanderprediger, der zunächst in Galiläa wirkte

– er war Jude

– seine Lehre setzte radikal andere Schwerpunkte als dies zu seiner Zeit im verbreiteten Judentum der Fall war

– er wurde ca. 30 n. Chr. in Jerusalem unter dem Präfekten Pontius Pilatus (der übrigens auch historisch nachweisbar ist) von den Römern gekreuzigt, vermutlich als politischer Aufrührer, da ihm der Titel „König der Juden“ nachgetragen wurde, worin die Römer einen Angriff auf ihre politische Macht sahen

Aussagen über Jesu Kindheit und Jugend können wir nicht machen. Kann man die Erzählungen über Jesu Erlebnisse als Wanderprediger, der eine Gefolgschaft hat und in der Öffentlichkeit wirkt, auf Augenzeugenberichte und die Verbreitung seiner Worte und Taten unter der Bevölkerung zurück beziehen, so ist das nicht der Fall für die Kindheitsgeschichten. Diese sind erst nachträglich, zum Teil mit bekannten Motiven verknüpft, die aus anderen kulturellen Kontexten bekannt waren (etwa so etwas wie der Stern von Bethlehem), entstanden. Für Jesu Verkündigung und Botschaft haben sie außerdem keine Bedeutung. Sie zeigen jedoch, dass die Autoren der Evangelien die Absicht hatten, den Glauben an Jesus als den Messias zu betonen. Dafür ist die Legende der Jungfrauengeburt exemplarisch, die sich auf eine Stelle im AT bezieht (Jes 7,14).

Mehr geben die Quellen über seine Lebensumstände nicht her. Die Evangelien helfen uns, die Botschaft Jesu zu hören. Jedoch sind auch hier einige Punkte zu berücksichtigen.

Die Evangelien sind alle in Griechisch geschrieben, Jesus und seine Landsleute dürften aber aramäisch gesprochen haben. Selbst wenn man davon ausgeht, dass bei der Übersetzung kein Fehler passiert ist, so ist doch davon auszugehen, dass im Aramäischen gewisse Sinnrichtungen mitschwingen, die im Griechischen (und von dort ausgehend im Lateinischen, Deutschen usw.) u.U. nicht gegeben sind.

Ein weiterer Punkt sind die Jesusworte. Nicht alles, was ihm in den Evangelien zugeschrieben wird, hat Jesus auch tatsächlich gesagt, sondern basiert auf nachträglichen Bearbeitungen. Das ist nicht unbedingt wertend zu verstehen, denn es gibt erst mal keinen Grund, späteren Aussagen weniger oder mehr Wahrheit zuzusprechen als denen Jesu.

Es kristallisiert sich jedoch heraus, dass Jesu Botschaft eine Botschaft der Nächstenliebe, Versöhnung mit Gott, aber auch des anstehenden Gottesgerichts war.

Was die Historizität der Auferstehung angeht, so können wir nichts dazu sagen. Niemand war in dem Grab und hat zugeschaut, wie dies vonstatten gegangen sein soll. Auch ist nicht immer klar, ob tatsächlich eine leibliche Auferstehung gemeint ist. Wieso haben die Jünger auf dem Weg nach Emmaus Jesus erst daran erkannt, wie er das Brot brach, nachdem sie doch eine lange Weile vorher mit ihm geredet haben? Dann wird allerdings auch wieder von den Wundmalen gesprochen, die doch eindeutig auf eine körperliche Erscheinung deuten.

Was man sagen kann, ist dass „etwas“ passiert sein muss, das die nach Jesu Hinrichtung verzweifelten Jünger und Jüngerinnen davon überzeugt hat, die Botschaft und den Glauben an den lebendigen Jesus in die Welt zu tragen. Und dieses Ereignis muss auch stark genug gewesen sein, um andere von sich zu überzeugen. Wie so oft in diesen Fällen, ist der Rest eine Frage des Glaubens.3

Die Johannes Offenbarung:

Die Johannes Offenbarung sticht als Buch sehr aus dem NT heraus. Gerade diese Schrift muss immer wieder für Verschwörungstheorien, Weltuntergangszenarien u.ä. herhalten.

Ihrer Komplexität vollkommen unangemessen, werde ich meine Gedanken zur Offenbarung an dieser Stelle jedoch recht kurz halten.

Es handelt sich bei der Schrift um einen Brief (einen ungewöhnlich langen) an die angesprochenen 7 kleinasiatischen Gemeinden, aber wohl auch (die Zahl 7 deutet darauf hin) an die gesamten Christengemeinden in der Gegend. Absender ist ein gewisser Johannes (nicht gleichzusetzen mit dem Apostel Johannes!), der aufgrund seines christlichen Glaubens auf die Insel Patmos verbannt wurde oder dorthin geflohen ist.

Die gewaltigen apokalyptischen Passagen des Buches haben starke Einflüsse aus der bekannten jüdischen Apokalyptik (vgl. etwa mit Ezechiel). Ausgangspunkt dürften die Christenverfolgungen sein, was auch durch die Zahl 666 des Antichristen wahrscheinlich wird, da diese als Chiffre für den römischen Kaiser Nero gelten kann. Die Gefahren und Anforderungen, denen Christen zu der Zeit ausgesetzt waren, hat Johannes wohl dazu bewegt, diesen Brief zu schreiben, um seine Glaubensgeschwister moralisch zu unterstützen und mit der Beschreibung des Erscheinens Christi auf Erlösung im himmlischen Jerusalem zu bestärken.

Abschließender Kommentar:

Die Bibel ist ein sehr komplexes, über sehr lange Zeit entstandenes Buch, das es nicht verdient hat, nur in seiner äußeren Erscheinung (sprich: buchstäblich) verstanden zu werden. Hier haben Menschen über Jahrhunderte hinweg versucht, das für uns Unaussprechbare in Worte und Bilder zu fassen, die in unserem Innern etwas bewegen sollen, um dieses Außerweltliche zu erkennen.

Dabei ist natürlich zu unterscheiden zwischen solcherart offenbarenden Schriften und Texten, die aus dem kulturellen und mythischen Umfeld aufgenommen und dem JHWH- Glauben angepasst wurden; möglicherweise um etwaigen Konvertiten den Übergang leichter zu machen oder weil man diese Texte durchaus auch als eine angemessene Form hielt, das Gottesverhältnis auszudrücken.

Ebenso muss man politische Texte für sich betrachten. Bestimmte Gesetze sind nur aus dem Zeitgeist und kulturellen Kontext heraus zu verstehen und wurden teils auch einfach aus anderer Quelle übernommen. Auf Gott wurden sie zurückgeführt, vielleicht weil ein Gesetzeskatalog eine der Säulen eines Staates ist und die staatliche Idealform, die die Bibel ausdrückt, eine Theokratie bzw. eine von Gott gegebene Monarchie ist. Zur damaligen Zeit und in der Umwelt gehörten politische Führung und Gotteswillen nahezu untrennbar zusammen. Von daher ist es heute wichtig, zu erkennen und heraus zu arbeiten, wie diese Texte zu verstehen sind; sowohl als Teil der biblischen Botschaft als auch als Ausdruck zeitgenössischer Gepflogenheiten.

Zuletzt ist auch die in fundamentalistischen und/oder evangelikalen Kreisen durchaus zu findende Annahme abzuweisen, dass Gott die Bibel geschrieben und in ihrer jetzigen Gestalt dem Menschen geschenkt hat. Und auch die Lehre der Verbalinspiration ist abzulehnen.

Der eigentliche Ausgangspunkt für diesen Text war die Frage danach, wie ich die Bibel verstehe. Für mich ist die Bibel – und das erhellt sicherlich aus den obigen Ausführungen – eine Sammlung von Texten, durch die gläubige Menschen versucht haben, ihrer Erkenntnis oder ihrem Verständnis von Gott Raum zu schaffen. Das klingt vielleicht im ersten Moment recht trocken. Aber es sei berücksichtigt, dass in diesem Fall jede Einsicht und jedes Erkennen meiner Meinung nach auch eine gewisse Offenbarung von der anderen Seite voraussetzt. Daher handelt es sich um mehr als nur Thesen. Es zeigt sich eine hohe Reflexion in den Schriften, ohne die unser Glauben heute gar nicht möglich wäre. Die Autoren haben über Jahrhunderte geschuftet, zum Teil auch innerhalb nur eines einzigen Textes, um ihre Erkenntnisse zu formulieren. Diese an den Tag gelegte Überzeugung von der Bedeutung ihrer Arbeit liegt ein fester Glaube zugrunde.

Außerdem werden wir durch die Bibel auch über den Inhalt der Verkündigung Jesu Christi unterrichtet, welcher für den christlichen Glauben Dreh- und Angelpunkt ist.

Den protestantischen Grundsatz sola scriptura befürworte ich ausdrücklich, da der katholische Standpunkt, auch der Tradition einen gewichtigen Einfluss zu geben, für mich nicht nachvollziehbar ist. Man muss dabei aber bedenken, dass mit sola scripturakeine Auslegung der Bibel nach dem Buchstaben, sondern nach dem in ihr enthaltenen Geist gemeint ist. Zu denken, dass das Wort Gottes in eindimensionaler Form vorliegt und damit auch so zu verstehen ist, fände ich mehr als unangemessen.

1 Dass jedoch auch innerhalb der Briefe differenziert gelesen werden muss, lässt sich z.B. beim Schweigegebot für die Frau sehen, vgl. dazu Jantsch, T., Schweigend und verschleiert. Ein frühchristliches Frauenideal?, WUB 4/2015, S. 26-31.

2 Dazu auch: Axt- Piscalar, C., Was ist Theologie? Klassische Entwürfe von Paulus bis zur Gegenwart, UTB 3579, Mohr Siebeck, Tübingen, 2013.

3 Zur Frage nach dem historischen Jesus siehe: Merz, A., Theißen, G., Der historische Jesus. Ein Lehrbuch, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 42011.

Ein Gedanke zu “Einführende Überlegungen zum Bibelverständnis Teil 2: NT”

  1. Zitat Leif Rocker: „Und auch die Lehre der Verbalinspiration ist abzulehnen.“
    Zu bedenken sei hierbei, in wie fern die geistige V-ER-Bindung mit dem, was wir hier im Allgemeinen Gott nennen, möglich ist.
    Einige nennen diese Verbindung im Geist Gebet. Andere sprechen sogar von einem Zwiegespräch mit IHM. Die Verbal-inspiration ist meines Erlebens nach dann erwünscht, wenn der Mensch sich nicht in einer bewussten Versenkung, dem so genannten Gebet befindet. ER spricht zu diesen Menschen. Im Moment dieses Geschehens wird eine vermeintlich akustische Rede im Ton wahr genommen. Dieses nun sind Worte in der Sprache des Menschen. So weit der erste Kontakt.
    Im folgenden entsteht durch ein derartiges Erlebnis ein waches Interesse, welches immer mehr in den meditativen Zustand des Gebetes führen kann. Schließlich erkennt der Mensch die Bedeutung der Worte der Lehre Yeshuas.
    „STILL“ sein im Geist, und „Gott“ nicht mit allen Alltagsproble-men voll schwatzen. Gott ist Geist!
    In dieser inneren Stille sollte die Intention des Menschen die so genannten Hingabe (Kawwana) sein. Hierdurch gelangt des Menschen Aufmerksamkeit ohne eigene störende Gedanken (stilles Kämmerlein) in die Einheit. In dieser Einheit, dem beginnenden EINS sein mit IHM, sprechen wir nun nicht mehr von einer Verbalinspiration. Sie ist nun auch nicht mehr notwendig, da nun ja eine Umkehr im Bewusstsein des Menschen schon statt gefunden hat. Umkehr bedeutet in diesem Zusammenhang schließlich, von dem nach AUßEN gerichteten Bewusstsein nun nach INNEN zu gelangen.
    Die Verbalinspiration war im Anfang zum „wach“ rütteln noch erforderlich, doch der Suchende hat nun gefunden und begibt sich in dem EINS sein mit IHM (meditatives stilles Gebet) in den Zustand des BITTENDEN. Die Bitte um den Geist der Wahrheit ist schließlich die ER – Öffnung für den Anklopfenden.
    Nonverbale Inspiration ist im Eins sein mit IHM jenes, was wir Erkenntnis nennen. Wir empfangen im Geist direkt aus der Quelle des HERRN. Es ist ein unbeschreibliches inneres Sehen. Das AUGE (Singular) ist hierbei EINfältig.
    Unsere Aufmerksamkeit gelangt, gepaart mit unserer Hingabe, nach Innen. Nämlich nach dorthin, wo das Reich Gottes (Malchut) ist. Das Reich Gottes ist inwendig in euch. Und der WEG dorthin ist in der Lehre Yeshuas beschrieben worden.

    Melekei mohusio ha

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