Philipp von Hessen

Theologische Biographien – 3

von Tobias Jammerthal MA, Tübingen.

David M. Whitford, A Reformation Life. The European Reformation through the Eyes of Philipp of Hesse, Santa Barbara / Denver 2015.

David Whitford ist ein anerkannter Reformationshistoriker, der zur Zeit an der Baylor University lehrt. Neben der Herausgeberschaft des Sixteenth Century Journal ist er durch zahlreiche Werke zur frühneuzeitlichen Kirchengeschichte hervorgetreten. Seine hier vorzustellende jüngste Veröffentlichung hat das Ziel, einem nichtspezialistischen Publikum anhand einer Biographie des Landgrafen Philipp von Hessen die Reformationsgeschichte nahezubringen. Der Gedanke ist bestechend – der hessische Landgraf ist eine der Schlüsselfiguren für die deutsche Reformationsgeschichte; seine Beziehungen zu praktisch allen führenden Theologen des protestantischen Lagers, seine Bemühungen um die politische Absicherung der Reformation und nicht zuletzt seine visionären Versuche im Bereich der Kirchenordnung machen Philipp zu einem lohnenden Ausgangspunkt für Streifzüge durch die Geschichte der Reformation im Heiligen Römischen Reich. Zudem muss der Versuch, Reformationsgeschichte einmal nicht als Annex zum Werdegang Martin Luthers zu schreiben, willkommen geheißen werden – anders als viele Lutherbiographien und an Luthers Biographie orientierten Reformationsgeschichten bietet der Ansatzpunkt bei Philipp von Hessen nicht nur die Chance, der oberdeutschen und schweizerischen Reformation endlich die ihr gebührende Aufmerksamkeit auch in populären Darstellungen zu schenken, sondern verheißt auch, dass die Erzählung nicht nach 1525 rasende Fahrt aufnimmt und gerade die für die Formierung des Protestantismus wichtigen Jahre ab 1530 wegen ihrer mangelnden Lutherzentrierbarkeit nur der Spur nach abhandelt. Gerade der Fakt, dass die Bigamie Philipps eng mit dem für die protestantische Sache so wichtigen Schmalkaldischen Krieg verbunden ist, stünde solchem entgegen.

Whitfords Darlegungen folgen dem Lebenslauf des hessischen Landgrafen und reichern ihn immer wieder durch Exkurse zu zentralen Ereignissen und Gemengelagen des Reformationsjahrhunderts an. Die jüngsten Jahre Philipps werden durch Bemerkungen zu allgemeinen sozial- und kulturgeschichtlichen Gegebenheiten an der Wende zum 16. Jahrhundert gut abgerundet (1-13), seine frühzeitige Thronbesteigung gelungen in den Kontext der komplizierten politischen Situation der Landgrafschaft wie des Heiligen Römischen Reiches insgesamt eingebettet (14-24), wobei es Whitford besonders gut gelingt, die Dimension der Bedrohung durch das Osmanische Reich aufzuzeigen – dies kommt in vielen anderen Darstellungen der Sache nach ein bisschen zu kurz. Die erste Begegnung Philipps mit Martin Luther auf dem Wormser Reichstag von 1521 dient Whitford dazu, Luthers Werdegang und die wichtigsten Ereignisse der Wittenberger Reformation bis dahin zu skizzieren (25-42), wobei besonders die Schilderung der öffentlichen Reaktion auf die 95 Thesen (31) und der politischen Ausgangslage des Wormser Reichstages (37) gelungen sind. Überhaupt ist es eine der Stärken dieses Werkes, komplexe Kräfteverhältnisse und Interessengeflechte auf das Wesentliche reduziert verständlich zur Sprache zu bringen.

Die wichtige Rolle des Landgrafen bei der Niederschlagung der Bauernaufstände bietet Whitford die Gelegenheit, den sogenannten „linken Flügel“ der Reformation in seine Darstellung einzubeziehen (43-58), wobei die Wirksamkeit Thomas Müntzers etwas zu eindimensional geschildert wird – sein liturgisches Schaffen etwa (Müntzers Deutsche Evangelische Messe und seine Deutschen Kirchenämter sind wichtige Zeugnisse für die Geschichte des protestantischen Gottesdienstes!) findet keine Erwähnung; der „local lord“, vor dem sich Müntzer wegen der Niederbrennung einer bei Allstedt gelegenen Marienkapelle verantworten muss (52), ist immerhin Herzog (und später Kurfürst) Johann von Sachsen und ob Müntzer die Kindertaufe in Allstedt abgeschafft hat, wie Whitford schreibt (51), ist quellenmäßig nicht eindeutig zu belegen. Dennoch ist zu würdigen, dass der „linke Flügel“ bei Whitford nicht nach dem allzuoft begegnenden Schema der Devianz von Luther behandelt, sondern als eigenständiges und vielgestaltiges theologisches Phänomen ernstgenommen wird, was insbesondere das Kapitel zu Philipps Täuferpolitik (101-114) verdeutlicht.

Der Abendmahlsstreit der 1520er Jahre wird dem Ansatz des Werks entsprechend aus der Perspektive Philipps dargestellt (59-78) – auch dies ein lohnendes Unterfangen, weil so deutlich wird, dass das Marburger Religionsgespräch von 1529 und alle davor liegenden Verhandlungen und Vermittlungsversuche letztlich vor dem Hintergrund der bevorstehenden Rückkehr Kaiser Karls V. zu interpretieren sind. Die Dringlichkeit, welche der theologischen Verständigung angesichts der zu erwartenden kaiserlichen Forderungen zukommt, kann so gut herausgearbeitet werden. Die in der Darstellung des Augsburger Reichstags und der ihm folgenden Jahre, die unter anderem die Konstitution des Schmalkaldischen Bundes sehen, (79-88) aufgestellte Hypothese, die protestantischen Stände hätten „religious diversity“ (80) vertreten und versucht, Karl V. zu verdeutlichen, dass diese mit Reichtstreue durchaus zu vereinbaren sei, ist freilich anachronistisch. Gelungen ist hingegen die Einbindung der Englischen Reformation (89-100) in die Geschichte des Schmalkaldischen Bundes (auch wenn nicht Lordkanzler Cromwell [so 95], sondern Erzbischof Cranmer liturgische Reformen anleitete). Whitfords Schilderung von Philipps Bigamie und des Schmalkaldischen Krieges ist auf das Wesentliche beschränkt (115-124; 125-136), es gelingt ihm, immer wieder im bisherigen Erzählverlauf gelegte Spuren wiederaufzunehmen. Bedauerlich ist, dass die Gefangenschaftszeit Philipps kaum gewürdigt wird: nach der Schlacht bei Mühlberg scheint es nur noch die Auseinandersetzungen um das Interim gegeben zu haben, bevor Philipp starb; der Exkurs zur Genfer Reformation (137-148) als ausführliches Vorspiel zum Hinweis auf die spätere „Zweite Reformation“ in der Landgrafschaft wirkt ein wenig unverbunden.

Eine große Stärke der vorliegenden Biographie des hessischen Landgrafen ist ihr sprachlicher Stil. Whitford gelingt es meisterhaft, politische, religiöse, soziale, kulturelle und wirtschaftliche Aspekte miteinander ins Gespräch zu bringen und für seine Erzählung fruchtbar zu machen. In dieser Hinsicht kann gleich diese erste Auflage einem jeden des Englischen kundigen Interessierten nahegelegt werden. Zu wünschen ist indes, dass Verlag und Verfasser eine zweite Auflage ins Visier nehmen – diese könnte die benannten Stärken in der Darstellung mit der Richtigstellung einiger ärgerlicher Detailfehler verbinden, für welche beispielhaft die Behandlung der Leipziger Disputation (33-35) stehen mag: nicht die Universität Leipzig (34), sondern die Universitäten Erfurt und Paris wurden als Beurteilungsinstanzen benannt; Luther griff nicht spontan in die Disputation sein, um seinem in die Enge getriebenen Kollegen Karlstadt zu helfen (ebd), vielmehr war bereits bei der Ankunft der Wittenberger in Leipzig klar, dass auch Luther und Eck miteinander disputieren würden, wofür vor Disputationsbeginn eigene Verhandlungstage und –gegenstände festgesetzt wurden und für die öffentliche Wahrnehmung der Wittenberger Reformation war weniger der in der Tat für die Wittenberger unerfreuliche Disputationsverlauf (35) als vielmehr die anschließende publizistische Auseinandersetzung wichtig, welche aus Eck einen egozentrischen Scholastiker und Unsympathen machte. Eine zweite Auflage würde auch von der Benutzung der dreibändigen Edition des Briefwechsels des Landgrafen mit Martin Bucer1 und neuerer deutschsprachiger Arbeiten zu Philipp2 profitieren, die hier zumindest nicht im Literaturverzeichnis ausgewiesen werden. Dann aber läge mit David Whitfords schön geschriebener und vom Verlag sorgfältig verarbeiteter Darstellung der Reformation anhand der Biographie eines ihrer wichtigsten fürstlichen Vertreter ein rundheraus empfehlenswertes Buch vor, dem eine Übersetzung ins Deutsche nur zu wünschen wäre – sie würde eine Lücke füllen.

1 Der Briefwechsel Landgraf Philipp’s des Großmüthigen mit Bucer, hg. u. erl. v. Max Lenz, Osnabrück 1880-1891 (ND 1965).

2 Etwa Schneider-Ludorff, Gury, Der fürstliche Reformator. Theologische Aspekte im Wirken Philipps von Hessen von der Homberger Synode bis zum Interim (AKThG 20), Leipzig 2006.

3 Gedanken zu „Philipp von Hessen“

  1. Lieber Tobias,

    das Buch klingt sehr spannend und kommt umgehend auf die Merkliste zu lesender Bücher.

    Allerdings bin ich mittlerweile irgendwie gelangweilt davon, wenn mir ständig Bücher empfohlen werden mit dem Versprechen, dass sie garantiert nicht lutherzentriert sind „wie alle anderen“. Das läuft sich als Alleinstellungsmerkmal irgendwie tot, oder?

    Aber das scheint wohl in der Leppinschule (und im angloamerikanischen Raum?) der articulus stantis et cadentis der Reformationsgeschichte zu sein. Manchmal habe ich das Gefühl, die Kaufmann’sche „Reformationsgeschichte“ muss hier als ewiger Prügelknabe herhalten, um sich der eigenen „Fortschrittlichkeit“, Ökumenizität und Internationalität zu versichern.

    Nun gut, ist ja auch nicht verkehrt, den Blick auf die Reformation zu weiten und um neue Perspektiven zu ergänzen. Aber ich finde diesen polemischen Abrechnungsgestus immer so mühsam…

    Herzliche Grüße!
    Tobias

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    1. Lieber Tobias,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Tatsächlich hatte ich das Opus des Göttingers nicht im Visier, sondern wollte eine allgemeine (und in der Tat fast ausschließlich in deutschsprachigen Darstellungen anzutreffende) Tendenz markieren. Dass der aus historischer und theologischer Hinsicht überfällige Abschied von der Identifikation der Reformation mit der Biographie eines ihrer wichtigsten Beteiligten inzwischen kein Alleinstellungsmerkmal mehr ist, wollen wir doch hoffen!
      Dass ich so auf der Zeit ab 1525 herumreite, hat einen anderen Grund: der Augsburger Reichstag und dann vor allem der Schmalkaldische Krieg sind wahrscheinlich die wirkmächtigsten Ereignisse der Reformationsgeschichte seit dem Ablassstreit ab 1517. Dem gilt es Rechnung zu tragen…
      Herzlich gegrüßt,
      dein Tobias

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      1. Lieber Tobias,

        das „Herumreiten“ auf der Zeit nach 1525 ist natürlich äußerst begrüßenswert!

        Dass diese Zeit so unterbelichtet wird, ist wahr (ich bin da ehrlich gesagt auch schlecht aufgestellt!). Andererseits ist es eine wirklich entscheidende Phase im Konfessionalisierungsprozess, die mit Blick auf das 17. Jh. und die Herausbildung protestantischer Identitäten wahrscheinlich wichtiger ist, als man sich in der Regel bewusst macht. Vielleicht hat das geringe Forschungsinteresse aber auch damit zu tun, dass es da ziemlich unübersichtlich wird? Schließlich spielen da auch zunehmend politische und rechtliche Faktoren eine Rolle, die uns Theologen naturgemäß fremder sind als die theologischen Streitfragen der betreffenden Epoche.

        Ich würde sagen, es gibt derzeit zwei große Anliegen in der Reformationsgeschichte:

        Einerseits gilt es, das Lutherbild des verbreiteten „Luthermythos“ kritisch zu hinterfragen und zu differenzieren. Dieser Mythos hat seinen Platz im Spielfilm, im Feuilleton und in der Konfirmandenarbeit – aber sollte in der wissenschaftlichen Theologie keine Rolle mehr spielen. Dazu muss der „ganze“ Luther in den Blick genommen werden (gerade auch der vielgeschmähte „alte Luther“) und man muss die Theologie Luthers gerade in ihrem inneren Zusammenhang nachzeichnen (gegen die Steinbruch-Methode der kirchlichen Lutherrezeption). Es sollte deutlich werden, dass es nicht so einfach ist, ein paar dunkle Schriften und abseitige Argumente zu verwerfen „und schon läuft der Wagen wieder“ (Kaufmann). Auch muss unser Bild von der Wittenberger Szene komplettiert und differenziert werden – Akteure wie Spalatin, Karlstadt, Ambsdorff und natürlich Melanchton sind dabei im Zusammenhang mit Luther, aber gerade auch in ihrer Eigenständigkeit zu betrachten.

        Andererseits ist es tatsächlich so, dass es jenseits von Wittenberg und gerade auch außerhalb des Reiches Territorien, reformatorische Akteure und Szenen gibt, die von der deutschen Forschung völlig vernachlässigt sind. Während die Vorgeschichte ja gut ausgeleuchtet ist (protestantische Ursprungsfixierung?), liegt der Fortgang noch ziemlich im dunkeln. Da gibt es viel zu erforschen und zu entdecken: Philipp von Hessen ist sicher ein herausragendes Beispiel. Wenn hier weniger die Komplexität der Materie das Hindernis darstellen sollte als eine deutsche Luther-Obsession, dann ist das sehr zu bedauern. Ich bin mir aber gar nicht so sicher, ob das in der Forschung noch so schlimm ist.

        Will man nun erstes Feld beackern, wird man sinnvollerweise auf Luther bzw. Wittenberg fokussieren und andere Reformationsprozesse und Reformatorenszenen eher vernachlässigen. Entmythologisierung und theologische Sachkritik im Detail ist ja auch ein mühsames Geschäft. Dass das ein genuin lutherisches Anliegen ist, ist richtig, aber warum sollte es deshalb unstatthaft sein? Jeder Konfession ist die Auseindersetzung mit ihren Zentralfiguren besonders aufgetragen. Wenn man stattdessen lieber letzteres Feld beackert, dann nimmt Luther längst nicht den zentralen Platz ein, den er als die große Reizfigur der Reformationsära im kollektiven Gedächtnis hat.

        Pointiert: Welchen Raum und welche Rolle Luther einnimmt, ist eine Frage der Fragestellung (und Perspektive). Wie so oft gilt ein entschiedenes „Kommt darauf an!“

        In jedem Fall verbietet sich natürlich der allzu voreingenommene Blick durch die „Lutherbrille“. Aber das sollte wirklich allgemein herrschende Meinung sein.

        Herzlichst grüßt wiederum,
        Dein Tobias

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