Liturgie als In-Doktrination

Überlegungen eines Dogmatikers zur protestantischen Liturgik.

von Tobias Graßmann

Für diesen und den folgenden Essay habe ich mir vorgenommen, Überlegungen zu Funktion und Gestalt des Gottesdienstes schriftlich zu verarbeiten, die ich im Laufe des Vikariats sowie insbesondere durch die intensive und produktive Auseinandersetzung mit der Konzeption M. Nicols1 angestellt habe. Diesem sei noch einmal ausdrücklich für die anregenden Gespräche und die fruchtbare Korrespondenz gedankt.

Dieser erste Essay handelt von dem Grundproblem, einen protestantischen Zugang zur Liturgie zu finden (1.), sowie der Funktion der Liturgie für die protestantische Frömmigkeit (2.).

Abschließend versammelt er einige grundlegende Thesen zur protestantischen Liturgik (3.).

1. Reformatorische Altlasten der protestantischen Liturgik

Man kann sagen, dass die Liturgik, also das Nachdenken über Liturgie, in der protestantischen Theologie keinen besonders prominenten Platz einnimmt – verglichen mit anderen Unterdisziplinen der Praktischen Theologie wie etwa der Predigtlehre (Homiletik), der Seelsorgelehre (Poimenik) oder der Religionspädagogik. Auch in der kirchlichen Praxis ist oft ein „Fremdeln“ mit der Liturgie zu beobachten. Dies hat wohl nicht zuletzt mit der Reformation selbst zu tun, aus der die protestantischen Kirchen hervorgegangen sind.

So hatte sich die Ablassdebatte, welche sich schließlich zur Reformation auswachsen sollte, ursprünglich an folgendem Problem entzündet: Wie hat man es mit einer menschlicher Frömmigkeitspraxis zu halten, die das religiöse Interesse verfolgt, sich Verdienste vor Gott zu erwerben? Indem die Reformatoren jede solche Handlung als „Werkgerechtigkeit“ strikt zurückgewiesen und die freie Gnade Gottes betont haben, die sich durch menschliches Tun weder verdienen noch verlieren lässt, wurde ein Großteil der mittelalterlichen Frömmigkeitspraxis verdächtig oder zumindest funktionslos. Zudem haben die Reformatoren die kirchliche Tradition (auch) des Gottesdienstes ihrer theologischen Kritik unterzogen und sie erneut an der Bibel gemessen. Gegenläufig wurde daraufhin in der römisch-katholischen Theologie die Bedeutung der Liturgie stärker betont und deren traditionelle Form zunehmend fixiert. Auch in ihrer Gottesdienstpraxis bewegten sich die Konfessionen also zunehmend auseinander.

Gerade in der Abgrenzung vom Katholizismus und seinem (vermeintlich) „magischen Ritualismus“ konnte es im Protestantismus schnell zu einer intellektualistischen Verengung der Frömmigkeit kommen: Frömmigkeit bedeutet für Protestanten zunächst einmal, die Rechtfertigungslehre von Gott, der den Sünder aus Gnade gerecht spricht, zu hören und zu verstehen. Die Formen praktizierter Frömmigkeit, in denen diese Lehre vermittelt und vergewissert wird, traten in den Hintergrund. Für den Gottesdienst bedeutete dies, dass die Predigt als Wortgeschehen und denkbar explizite Form der Verkündigung christlicher Lehre gegenüber der Liturgie in den Vordergrund trat.

All das heißt nicht, dass es im Protestantismus keine frommen Handlungen und keine Liturgie im Vollsinn gab. Die mittelalterlichen Traditionen des Sonntagsgottesdienst wurden weiter gepflegt. An ihre Seite traten neue Formen gelebter Frömmigkeit bzw. Andacht in der Familie und im Alltag des Einzelnen. Allerdings wurde gerade diese häuslichen Formen gelebter Frömmigkeit von der Theologie wenig thematisiert, sondern mehr oder weniger als gegeben vorausgesetzt. Die Gestaltung des Sonntagsgottesdienstes wurde zwar geregelt, doch nicht wirklich theologisch fundiert und reflektiert, so dass sich der Flickenteppich protestantischer Kirchentümer auch in der Liturgie niederschlagen musste.

Das wirkt bis heute nach: Pfarrerinnen und Pfarrer betrachten die liturgischen Stücke des Gottesdienstes häufig als Füllwerk, das sich aus gebräuchlichen und vertrauten Formeln sowie spontanen Einfällen zusammenstückeln und beliebig aktuellen Bedürfnissen anpassen lässt, statt sich bewusst theologische Gedanken über die Struktur des Gottesdienstes und die Gestaltung der Liturgie zu machen.

In Zeiten, in denen der Gottesdienstbesuch (insbesondere des sog. „traditionskontinuierlichen Gottesdienstes“ am Sonntagmorgen) nicht mehr selbstverständlich und gesellschaftlich vorgeschrieben ist, wird nun aber das Defizit protestantischer Gottesdienstlehre sichtbar. Folgende Fragen müssen Laien wie der Pfarrerschaft gegenüber beantwortet werden: Was soll Liturgie grundsätzlich leisten? Welchen Ort und welchen Stellenwert hat sie im Kontext protestantischer Frömmigkeitspraxis? An welchen Kriterien kann sich eine protestantische Liturgik orientieren?

2. Frömmigkeitskultur als Lebensraum der religiösen Lehre

Um solche Fragen beantworten zu können, wird an dieser Stelle wird ein wenig grundsätzliche Religions- bzw. Frömmigkeitstheorie notwendig.

Ich verstehe (mit einer langen Tradition protestantischer Theologie aber gegen die derzeitige theologische Mode) christliche Religion primär als Lehre. Lehre bezeichnet dabei keine Zusammenstellung von philosophischen oder theologischen Merksätzen, sondern ein zusammenhängendes Verständnis von Selbst und Welt, welches deren tiefere Wahrheit2 erhellt und aus sich heraus ein bestimmtes Verhalten fordert. Auf den biblischen Ursprung und den theologischen Inhalt dieser Lehre muss hier nicht weiter eingegangen werden. Eine Besonderheit der christlich-religiösen Lehre aber ist, dass in ihr das Verständnis von Selbst und Welt durchgängig bestimmt ist vom (christlichen) Gottesgedanken. Erst vor dem Hintergrund dieser Lehre wird auch der aktuell erfahrbare, befreiende Zuspruch des Evangeliums verständlich.

Diese Lehre muss sich als Glaube bewähren, um nicht abstrakt und beliebig zu bleiben, sondern zur Gewissheit zu werden. „Als Glaube bewähren“ soll hier bedeuten, dass sich solch eine Lehre nicht einfach durch einen Versuch verifizieren lässt wie etwa die Hypothese, dass meine Haustüre abgeschlossen ist. Sie kann sich aber als begründet erweisen wie beispielsweise das Vertrauen, das ich einmal in eine Person gesetzt habe. Wenn sich in einer Situation erweist, dass eine Person mein Vertrauen wert war, dann festigt das die Beziehung und sie hat sich als Freundschaft oder Arbeitskontakt bewährt. Die Beziehung trägt. So ist auch die christliche Lehre darauf angelegt und angewiesen, sich in Lebenszusammenhängen zu bewähren. Wenn sie das kann, dann trägt der Glaube.3

Die Lebenszusammenhänge, in denen die Lehre sich für den Einzelnen zu bewähren hat, sind: Der Alltag, die Extremsituationen menschlichen Lebens sowie die Auseinandersetzung mit anderen Lehren. In einem unabschließbaren, immer neu zu durchlaufenden Prozess der Bewährung der christlichen Lehre (als Glaube) in den unterschiedlichen Lebenszusammenhängen besteht das, was ich mit Frömmigkeit bezeichne. Dabei ist es offensichtlicherweise nicht so, dass dieser Prozess eine schon vorgegebene Lehre nachträglich „umsetzt“, sondern ihre Bewährung oder Nicht-Bewährung wirkt auch kritisch-konstruktiv auf die Lehre selbst zurück. Frömmigkeit ist nicht bloßer Ausdruck der Lehre, sondern deren Lebensraum.

Wenn sich eine Lehre durch Frömmigkeit insbesondere im Alltag bewähren soll, kann diese Frömmigkeit nicht anders gedacht werden als „alltäglich“, d.h. gewohnheitsmäßig vertraut und nach bestimmten Regeln verlaufend. Nur so kann sie auch in Extremsituationen abgerufen werden, stützend und vergewissernd wirken. Sie wird nicht jeweils neu geschaffen, sondern im Zweifel in Frage gestellt und umgebildet. Wenn eine Lehre sich im Leben als tragender Glaube erweisen soll, muss man durch sie in-doktriniert (vgl. lat. doctrina, Lehre) werden und dazu in-kulturiert (vgl. lat. cultus, Pflege) sein in eine Gemeinschaft, in der diese Lehre gepflegt wird. Deshalb spreche ich von Frömmigkeitskultur als einem System von im Alltag und für den Alltag kultivierten, verlässlichen Formen der Frömmigkeit. Diese Frömmigkeitskultur ist normalerweise nicht rein individuell und selbsterzeugt, sondern man wächst als Christin oder Christ in eine bestimmte, sozial vorhandene Frömmigkeitskultur hinein und verhält sich dann selbständig zu ihr – in Aneignung oder in Abgrenzung.

Liturgie ist nun eine besonders kultivierte Form von Frömmigkeit. Es handelt sich dabei immer um extreme symbolische (bzw. rituelle) Verdichtungen, in denen christliche Lehre und Lebenszusammenhänge ins Verhältnis zueinander gebracht werden. Diese Verdichtung kondensiert einen Ausschnitt aus der Gesamtheit christlicher Lehre in Formeln und Gesten, während sie andererseits die Lebenswirklichkeit auf exemplarische Situationen verdichtet. Beides setzt sie im Spiel zwischen Liturgin bzw. Liturg und Gemeinde in ein Verhältnis ritueller Interaktion, die sich im Horizont Gottes vollzieht. Den Zusammenhang der einzelnen Interaktionen, welche in der Liturgie nacheinander durchlaufen werden, kann man gut mit Nicol als „Weg im Geheimnis“ begreifen, wobei sich hinter dem „Geheimnis“ konkret der Gottesbezug jeder einzelnen Interaktion sowie des Gesamtgeschehens verbirgt.

Liturgie begegnet im Leben der Kirche dabei in zwei grundlegenden Formen:

Liturgie kann erstens als regelmäßiger Gottesdienst im Kirchenjahr die Bewährung und Verankerung des Glaubens im Alltag unterstützen. Dann ist ihre Grundspannung die zwischen Ordinarium und Proprium – die Tage des Alltags gleichen sich und haben ihre Routine, doch hat jeder Tag seine Besonderheit (und wenn es nur der unverwechselbare Ort im Kalender oder die bestimmte Tageszeit ist). Ordinarium bezeichnet in der Liturgie die Stücke, die verlässlich in allen Gottesdiensten einer bestimmten geregelten Gottesdienstform ihren Platz haben, während Proprium die Stücke bezeichnet, die im Laufe des Kirchenjahres und seines Festkalenders wechseln.

Liturgie kann zweitens auch als Kasualie (Taufe, Trauung, Beerdigung, neue Kasualien etc.) eine Extremsituation des menschlichen Lebens (Geburt bzw. Konversion, Eheschließung, Todesfall, …) zum Anlass haben. Dann ist ihre Grundspannung die zwischen einer allgemeinmenschlichen Extrem- oder Schwellensituation und dem jeweiligen konkreten Kasus als Einzelfall (etwa der Taufe dieses bestimmten Kindes oder dem aktuellen Trauerfall). Hier hat die verbreitete Anknüpfung an die Theorie der Passageriten (van Gennep) ihre Berechtigung, die den regulären Gottesdienst nicht angemessen erfasst (gegen Josuttis‘ Konzept einer Initiation in das Heilige).

3. Thesen zu einer protestantischen Liturgik

Aus dem bisher Gesagten lassen sich nun Thesen für eine protestantische Liturgik entwickeln:

  1. liturgy matters!

    Die protestantische Vernachlässigung der Liturgie kann aus der Geschichte verständlich gemacht werden, ist aber gerade unter den gegenwärtigen Bedingungen nicht mehr angebracht. Der Gottesdienst rechtfertigt sich nicht mehr einfach durch seine Existenz. Gleiches gilt für seine konkrete Gestalt, die weit entfernt davon ist, unmittelbar einzuleuchten. Gerade die gemeinschaftlichen Formen gelebter Frömmigkeit müssen deshalb auch unter Christinnen und Christen ausdrücklich begründet werden. Man kann sie nicht einfach als gegeben voraussetzen.

  2. Liturgie muss sich theologisch begründen lassen!

    Ihre Definition könnte lauten: Protestantische Liturgie unternimmt den rituell gestützten Versuch, die symbolisch verdichtete christliche Lehre am anthropologisch in Grundsituationen verdichteten Leben der Gemeinde vor Gott zu bewähren. Aus dem Bezug zur christlichen Lehre allgemein und Gott im besonderen ergibt sich deshalb: Liturgische Fragen können nicht (allein) ästhetisch oder rein pragmatisch entschieden werden. Dabei ist die Liturgie besonders an die theologische Anthropologie angeknüpft. Sie spricht normalerweise nicht in die jeweilige aktuelle Situation (wie eine gute Predigt), sondern thematisiert im Lichte Gottes das allgemein Menschliche.4

  3. Liturgie darf schön sein!

    Ästhetische Fragen dürfen bei der Gestaltung des Gottesdienstes trotzdem eine Rolle spielen. Die christliche Vorstellung von der Schönheit Gottes und seiner Schöpfung sollte Liturginnen und Liturgen gerade dazu ermutigen, selbst die Schönheit von Sprache, Musik, Kunst etc. anzustreben und in den Dienst der christlichen Lehre zu stellen. Was in diesem Kontext unter Schönheit zu verstehen ist, ist freilich eine andere, sehr interessante Frage. Das bedeutet auch, dass gute Liturgie Arbeit ist. Aber diese Zeit ist in der Regel gut investiert.

  4. Tradition ist wichtig, aber nicht unantastbar!

    Unter protestantischen Bedingungen müssen sich im Zweifel auch geprägte Formen der Tradition und klassisch gewordene Formulierungen theologischer Sachkritik unterwerfen. Schließlich kann seit dem Bruch der Reformation die kirchliche Tradition keinen (theologischen) Eigenwert mehr beanspruchen. Eine kritische Auseinandersetzung mit traditionellen Formeln muss stattfinden, wenn ihre Bedeutung unscharf oder theologisch fragwürdig geworden ist. Manchmal kann sich dann eine Anpassung als sachgerecht herausstellen. Liturginnen und Liturgen müssen auch traditionellen Wendungen einen Sinn abgewinnen können, um sie angemessen zu sprechen und gegebenenfalls im Interesse des Propriums (s.u. unter 8.) zu variieren.

  5. Keine liturgischen Kopfgeburten!

    Frömmigkeitskultur kann nicht am theologischen Reißbrett entworfen werden, sondern sie muss gelebt werden und organisch wachsen. Deshalb hat Liturgik ihren Ausgang bei der lebendigen Gottesdienstpraxis konkreter Gemeinden zu nehmen und angemessen zu berücksichtigen. Dogmatisch oder historisch begründeten Versuchen, irgendwelche „fehlenden“ liturgischen Elemente neu zu schaffen oder den „eigentlichen“ Sinn von liturgischen Stücken wiederherzustellen, sind so enge Grenzen gesetzt.

  6. Liturgie braucht Übung!

    Liturgie muss als kultivierte Frömmigkeit nicht um jeden Preis niederschwellig und selbsterklärend sein. Im Gottesdienst muss deshalb nicht alles mühsam erklärt und moderiert werden. Liturgie darf Einübung voraussetzen – wer etwa zum ersten Mal in eine Theatergruppe geht, sollte auch nicht sofort die Hauptrolle beanspruchen. An einer Kletterwand startet man als Anfänger nicht mit der schwierigsten Route. Beim allerersten Gottesdienstbesuch in einer neuen Gemeinde ist ein Gefühl der Desorientierung durchaus zumutbar. Es wäre aber fatal, wenn sich das nach dem zweiten oder dritten Gottesdienst nicht entscheidend geändert haben sollte. Auch spricht nichts gegen eine stärkere Berücksichtigung liturgiebezogener Kompetenzen im Rahmen von Religions- und Gemeindepädagogik. Das wäre im Gegenteil sehr wünschenswert.

  7. Liturgie will grundsätzlich verstanden werden.

    Das gilt für die Bedeutung der liturgischen Stücke und ihre Stellung im Gottesdienst ebenso wie für ihre Sprache. Es ist (leider weit verbreiteter) Unsinn, den religiösen Wert der Liturgie gerade am „Mysterium“ als ihrer Unverständlichkeit für alle Uneingeweihten festzumachen. Das eigentliche Mysterium des Gottesdienstes ereignet sich, wann immer es zum Kontakt mit der Gotteswirklichkeit kommt und sich die lebenserschließende Kraft der christlichen Lehre für die Glaubenden bewährt – nicht dann, wenn Gottesdienstbesucher rätseln, was da vorne gerade eigentlich passiert!

  8. Liturgie muss verlässlich sein.

    Das gilt besonders, wenn sie von der Gemeinde aktiv mitvollzogen werden soll – und das soll sie! Es geht um eine kontinuierliche In-Doktrination, um Einübung in das Christentum und seine Lehre. Dieser religiöse Lernprozess lebt von einer vertiefenden und leicht variierenden Wiederholung, wie sie die liturgische Spannung von Proprium und Ordinarium gewährleistet. Eine Liturgie „nur aus Proprium“ kann ihre Wirkung nicht entfalten! Diese notwendige Verlässlichkeit (und nicht die Erhabenheit der Tradition als solche) ist auch der sachliche Grund, weshalb es im Zweifel meist die richtige liturgische Entscheidung ist, einer geprägten Formel den Vorzug zu geben. Das wiederum erklärt möglicherweise, weshalb theologisch eher konservative Positionen die Eigenheiten der Liturgie häufig besser erfassen als die, die aus einem starken Modernisierungsimpuls heraus argumentieren. Aber Gottesdienst darf natürlich auch keine stumpfe und mechanische Wiederholung bieten, wenn er echte Einübung und auch kritische Aneignung ermöglichen soll.

  9. Gottesdienst gehört zum Alltag.

    Die verbreitete Rede vom Gottesdienst als einer „Unterbrechung des Alltags“ ist problematisch. Für die Kasualie oder zumindest das Ereignis, das sie zum Anlass hat, gilt das zweifellos. Der reguläre Gottesdienst aber ist für Liturginnen und Besucher ein alltägliches oder genauer: allsonntägliches Angebot, selbst wenn man es nur selten bis nie in Anspruch nehmen sollte. Die Erwartung, völlig überrascht zu werden und eine außergewöhnliche Erfahrung zu machen, ist hier fehl am Platz. Wenn Bekehrungen und radikale Neuausrichtungen des Lebens stattfinden, dann ja selten im agendarischen Sonntagsgottesdienst …

  10. Gottesdienst ist Gotteszeit im Alltag.

    Gleichwohl kann der Gottesdienst Kontrapunkt (M. Nicol) des Alltags innerhalb des Alltags sein – als eine solche Möglichkeit „aufzutanken“ wird er von vielen Gottesdienstbesuchern sehr geschätzt. Gerade durch die Liturgie und ihren hohen Grad an symbolischer Verdichtung bringt er den Alltag sozusagen „auf den Punkt“ – indem er uns mit ihm vor das Angesicht Gottes stellt.

Diese Thesen umreißen nicht von ungefähr ein Spannungsfeld, in dem immer wieder die richtige Mitte zwischen Tradition und Innovation, zwischen Theologie und Ästhetik, zwischen Verlässlichkeit und Abwechslung zu suchen ist. Auch deshalb gilt grundsätzlich immer:

  1. Liturgie bleibt ein Wagnis!

    Liturgie muss nicht nur von Liturginnen und Liturgen, sondern von der ganzen versammelten Gemeinde gewagt werden. Die symbolische Verdichtung von Lebenswirklichkeit und christlicher Lehre kann gelingen oder auch nicht. Dass beides in Kontakt kommt und sich so die Lehre als Glaube am Leben bewährt, liegt allein in Gottes Macht.

    Das entbindet Pfarrerinnen und Pfarrer nicht von ihrer Verantwortung für die liturgische Gestalt des Gottesdienstes. Weder die Flucht in geprägte, traditionelle Formeln, noch die Flucht in die Authentizität der eigenen Alltagssprache kann gänzlich von dem Wagnis befreien, genau die Worte zu finden, die hier und heute Gott und den Menschen angemessen sind.

1 Martin Nicol: Weg im Geheimnis. Plädoyer für den Evangelischen Gottesdienst, 3., erweiterte Auflage, Göttingen 2011. Siehe dazu auch meinen Blogartikel zur Begegnung mit Nicol.

2 Man könnte genauso vom „Wesen“ oder von „Sinn“ sprechen. Für den Begriff der Wahrheit spricht meines Erachtens seine begriffliche Anschlussfähigkeit an andere theologische Problemkomplexe, etwa in der Hermeneutik oder der Gotteslehre, sowie sein anti-relativistischer Beiklang (im Unterschied zu dem oft subjektiv verengten Sinn).

3 Hier steht, für den theologischen Kenner, die Unterscheidung von fides quae und fides qua im Hintergrund, wobei ich den Glauben als fides qua immer voraussetze, diesen aber explizit an die Bewährung der fides quae im Leben des Glaubenden rückverweise. Deshalb soll nicht bestritten werden, dass die fides qua logisch wie theologisch primär ist und allein durch den Heiligen Geist gewirkt wird. Die tiefer reichende Frage nach dem Ursprung des Glaubens ist hier nicht zu diskutieren.

4 Gerade diesen Gedanken habe ich von Nicol übernommen.

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