Theologische Enzyklopädien vorgestellt – 4: Karl Barth

von Julius Trugenberger, Wien

Barth, Karl, Einführung in die Evangelische Theologe (3. Auflage), Zürich 1985.

Im Jahr 1962 legte der große reformierte Theologe Karl Barth, der zu den wenigen Theologen des 20. Jhs. zu zählen ist, die über die engen Grenzen der Fachwelt hinaus Bekanntheit erlangt haben, mit seinem kleinen Buch „Einführung in die evangelische Theologie“ seinen eigenen Beitrag zur Gattung der theologischen Einführungsliteratur vor, die bekanntlich von Friedrich Schleiermacher mit der „Kurzen Darstellung“ begründet und im 20. Jh. von weiteren wichtigen protestantischen Theologen bedient wurde, darunter etwa Barths Antipode Rudolf Bultmann oder dessen Schüler Gerhard Ebeling. Die Verbindung eines großen Namens – Karl Barth – mit einem niedrigschwellig anmutenden Buchtitel – „Einführung in die Evangelische Theologie“ – verspricht gerade dem Studienanfänger eine interessante Lektüre. Auf nur etwas mehr als 200 ohne Anmerkungen auskommenden Seiten behandelt Barth den Ort der Theologie, die theologische Existenz, die Gefährdung der Theologie sowie die theologische Arbeit.

Barth betont im Vorwort: „Der Gegenstand der Theologie ist Gott in der Geschichte seiner Taten“ (15). Barth will der Theologie also zu einer eindeutigen Klärung ihres Gegenstandsbezuges verhelfen. Damit wendet er sich einer Fragestellung zu, die sich in der theologischen Wissenschaft schwerer ausnimmt als in anderen Disziplinen, und an deren unterschiedlicher Beantwortung gemeinhin und auch nicht zu Unrecht der Epochenbruch zwischen Liberaler und der Dialektischen Theologie vor allem Barth’scher Prägung festgemacht wird. Gott als genuiner Gegenstand der Theologie – diese Bestimmung hat Konsequenzen für den Ort der Theologie. Angespielt wird mit dieser Formulierung auf die nicht nur wissenschaftstheoretisch, sondern auch universitätspolitisch relevante Frage nach dem Ort der Theologie im Gesamtgefüge der universitas literarum. Barths Verortungsprinzip, wonach der Ort der Theologie eine „ihr von innen zugewiesene, von ihrem Gegenstand her notwendige Ausgangsposition“ (24) sei, die gerade nicht im Rahmen der sonstigen Wissenschaften liege, soll bewusst alle im 19. Jh. aufkommenden Versuche, die Stellung der Theologie als einstiger Leitwissenschaft der alteuropäischen Universität unter modernen Verstehens- und Wissenschaftsbedingungen abzusichern, unterlaufen.

Was bedeutet es aber für die ureigene Existenz des Theologen selbst, wenn seine Wissenschaft, die Theologie, nicht einfach unter die vorhandenen – im Regelfall ja bewährten – Wissenschaftspraktiken und den ihm korrespondierenden Bildungskanon subsumiert werden kann? Dieser Fragestellung geht Barth in den Kapiteln 2-4 nach, erkennbar liegt hier der Schwerpunkt seiner Ausführungen. Zuerst kommt Barth auf die Verwunderung des Theologen zu sprechen, die daraus resultiert, dass Gott und die Geschichte seiner Taten als der Gegenstand der Theologie nicht in der wunder-losen Sphäre der allgemein bekannten und lückenlosen Kausalzusammenhänge unterzubringen ist, auf die sich die Methode der historischen Verifizierung bezieht (vgl. 74). Der Gegenstand der Theologie ist also nicht (historisch) verifizierbar, und die Theologie insofern eine prinzipiell „verwunderliche“ Angelegenheit, die freilich über das lernbegierige thaumazein hinausgeht, das Platons Sokrates bekanntlich zum Beginn allen Philosophierens erklärt hat. Näher spezifiziert sich die den Theologen ergreifende Verwunderung als existentielle Betroffenheit, wenn nämlich dem Theologen die Einsicht aufgeht: „Tua res agitur!“ Freilich betont Barth zugleich, dass die Betroffenheit des Theologen nicht Bestürzung, sondern Freude impliziert. So ist die Theologie ist nach Barth grundsätzlich eine fröhliche Wissenschaft – ähnlich und zugleich doch ganz anders als beim Metaphysik-Überwinder Friedrich Nietzsche1, nämlich im Sinne einer tiefinneren Genügsamkeit in Anbetracht ihres unendlich größeren Gegenstandes, in Anbetracht Gottes: „Der Theologe findet dann sein Genügen, er wird und ist damit ein vergnügter und so auch in der Gemeinde und in der Welt Vergnügen verbreitender Mensch, dass ein Erkennen als intellectus fidei in dem ihm durch den Gegenstand seiner Wissenschaft gegeben Gefälle verläuft.“ (106, Hervorhebungen im Original).

Hat nun Barth auf diese Weise den Theologen als verwunderten, betroffenen und doch letztlich vergnügten Menschen beschrieben und somit „die Besonderheit des Erkennens, zu dem der Theologe verpflichtet, befreit und aufgerufen wird“, charakterisiert, so fragt Barth in einem nächsten Schritt danach, „wie […] das Ereignis [wird], dass Einer zu dieser so besonders geordneten Erkenntnis wirklich und wirksam verpflichtet, befreit und aufgerufen wird“ (107). Die gemeinte Ereigniswerdung geschieht im Glauben, wie Barth hervorhebt, doch betont er hier – von seinem Lehrer Wilhelm Herrmann abweichend ­– sogleich, dass dieser Sachverhalt es nicht rechtfertige, der Pisteologie, der Lehre vom Glauben, innerhalb der Theologie zu große Bedeutung beizumessen. Der menschliche Glaube kommt in den Augen Barths immer nur als sekundärer Gegenstand der Theologie zu stehen, der – wie alles Menschliche – vom Wort Gottes, Gottes Selbstoffenbarung in Jesus Christus, her seine Relativierung erhält.

Dieser Grundgedanke, den Barth in seinem Büchlein bemerkenswerterweise kaum trinitarisch entfaltet, bestimmt auch den lesenswerten Themenblock Die Gefährdung der Theologie, der in vielen Punkten und aufgrund seiner großen Beschreibungskraft an die anthropologischen Passagen der „Kirchlichen Dogmatik“ erinnert. Der Schweizer Theologe betont, dass der Bereich von Einsamkeit, Zweifel und Anfechtung theologisch immer nur aus der Perspektive seines Überwundenseins von Gott her in den Blick zu nehmen ist. Somit gelingt es Barth, auch in den Tiefen menschlicher Erschütterungen an Gottes in die irdischen Nöte eingegangenem Wort festzuhalten. Hier – und nur hier – liegt für Barth der Ursprungs- und Anfangsort des Theologisierens. Die Arbeit des Theologen besteht folgerichtig darin, immer wieder zu jenem Ursprung zurückzukehren. Theologische Arbeit nach Karl Barth, das ist, so könnte man formulieren, Archä-ologie, nämlich Besinnung auf die arché, es geht darum, „jeden Tag, ja zu jeder Stunde neu mit dem Anfang anzufangen“ (107; 182)2 – mit dem Wort Gottes in der Geschichte Jesu Christi.

Wer in diesem Buch eine kurze Einführung in den Ansatz der Theologie Karl Barths sucht, also gleichsam ein Propädeutikum für die weitere Beschäftigung mit dem großen Oeuvre des Schweizer Theologen absolvieren möchte, liegt mit diesem Werk sicherlich richtig. Wem es dagegen – auch und gerade schon als Studienanfänger – nach Orientierung verlangt im vielen Studierenden nicht nur anfangs unübersichtlich erscheinenden Dickicht aus fachtheologischer (und häufig auch „theo-politischer“) Binnensemantik einerseits sowie einem widerspruchsreichen, oft selbst unbewusst mitgebrachten Potpourri religiös-frömmigkeitskultureller Einstellungen und Lebensstile andererseits, wer vielleicht sogar schon selbst ein Sensorium für die groß gewordene Explikationsbedürftigkeit der von Barth immer wieder abbreviaturhaft herangezogenen Begriffe wie „Wort Gottes“ entwickelt hat – dem sei von der Lektüre dieses Buches herzlich abgeraten. Er greife besser zu … – ja wozu eigentlich? Es zeigt sich bei der Beschäftigung mit dem Genre der Einführungsliteratur gleichsam ex negativo, dass eine auf der Höhe der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation von Theologie und Kirche angesiedelte Einführung in das Theologiestudium ein Desiderat darstellt.

Gemeint ist eine Einführung, die erstens darauf aufmerksam macht, dass die traditionellen Begriffe der Dogmatik – „Wort Gottes“, „Geschichte Jesu Christi“? – in der massendemokratischen Postmoderne nur noch sehr wenigen Menschen bekannt, geschweige denn mit Sinngehalten verknüpfbar sind; die zweitens religionssoziologisch bzw. modernitätstheoretisch in das Ursachenbündel für diesen Zustand einführt; und die drittens und schwerpunktmäßig die Theologie als eine akademische Disziplin profiliert, die unter Rekurs auf kulturtheoretische Argumente das Potenzial der christlichen Glaubenstradition entfaltet, zu einer Selbstreflexivität kirchlicher und allgemeiner Frömmigkeitspraktiken beizutragen. Auf die Gefahr, mit Barths Fibel unter dem Arm zum sprachgewaltigen, aber kulturhermeneutisch unsensiblen Wort Gottes-Theologen zu werden, sollte der theologische Nachwuchs warnend hingewiesen werden – gerade in der Postmoderne, in der zugleich alles und nichts möglich ist.

Julius Trugenberger (*1988) hat Evangelische Theologie in Tübingen, Göttingen und Zürich studiert und arbeitet derzeit im Rahmen eines Forschungsaufenthaltes in Wien an einer systematisch-theologischen Dissertation zur Idealismus-Rezeption bei Friedrich Brunstäd.

1 Vgl. Friedrich Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft. Wir Furchtlosen, (Meiner Philosophische Bibliothek 655) Hamburg 2013.

2 Die zitierte Wendung benutzte schon der frühe Barth mehrfach. Vgl. Eberhard Jüngel: Provozierende Theologie. Zur theologischen Existenz Karl Barths (1921-1935), in: M. Beintker, Chr. Link, M. Trowitzsch (Hgg.): Karl Barth in Deutschland (1921-1935), Aufbruch – Klärung – Widerstand, Zürich 2005, 41-55, hier: 55 (Anm. 55).

6 Gedanken zu „Theologische Enzyklopädien vorgestellt – 4: Karl Barth“

  1. Lieber Julius, vielen Dank für deinen wortgewaltigen und unterhaltsamen Text.

    Aber mal ehrlich: Das, was du als Desiderat anführst, ist doch das mittlerweile schon klassisch gewordene Einleitungsschema praktisch-theologischer Texte. Schlag z.B. mal in Grethleins „Praktischer Theologie“ nach. Oder auch bei W. Gräb.

    So hebt doch mittlerweile jeder an: Christentum hat seine Selbstverständlichkeit verloren, dann werden die verschiedenen hinlänglich bekannten Säkularisations- und Individualisierungsprozesse summarisch nachgezeichnet, schließlich kommt das große „aber“, das die bleibende kulturhermeneutische Funktion der Theologie (oder auch die notwendige theologische Bändigung wilder, vormoderner Frömmigkeit) beschwört.

    Dagegen finde ich Barth ja schon wieder originell…

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    1. ja, lieber Tobias, in der praktisch-theologischen Disziplin mag das durchaus so sein, aber wir diskutieren hier ja die Gattung Theologischer Enzyklopädien… Was soll denn ein Studienanfänger mit Grethleins Buch anfangen, das übrigens kein besonders orgineller Wurf ist – „Kommunikation des Evangeliums“ und im besten Fall für die Examensvorbereitung taugt…

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  2. Ob originell oder nicht, die Frage bleibt: Warum sollte für die theologische Enzyklopädie oder besagten Studienanfänger eine entscheidende Bedeutung haben, was seinen „Sitz im Leben“ in den Einführungskapiteln praktisch-theologischer Abhandlungen, in religionssoziologischen Überblicken oder (abbreviaturhaft) so mancher EKD-Schrift hat?

    Wird so nicht nur der (weit verbreitete) Irrtum genährt, Theologie bedeute primär, die Konsequenzen aus irgendwelchen gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen zu ziehen?
    Das kann und sollte – gerade in der Praktischen Theologie und mit Blick auf kirchenleitendes Handeln – auch eine Rolle spielen. Aber es taugt wohl kaum für die umfassende Bestimmung dessen, was Theologie ist und sein sollte.

    Oder?

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  3. Barths Zeit wird noch kommen, wenn die Bildungsbürger von der protestantischen Bildfläche verschwunden sind und die Frage danach gestellt wird, was wir eigentlich glauben und nicht bloß: wie. Schleiermacher brauchte auch 200 Jahre, bis seine Rezeption von den Eingenommenheiten seiner Jünger befreit war. Insofern ist Barths Einführung Zukunftstheologie für eine nicht-universitäre Theologie, die gleichwohl mehr ist, als fundamentalistische Bibelschule. So gelesen ist das ein spannendes Buch.

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  4. Ja, kann ich nachvollziehen. Ich frage mich nur: was wird aus der Theologie als Leitwissenschaft der Kirche, wenn sie aus dem universitären Kontext verschwindet?
    Wie kann Theologie ihre Intellektualität halten und zugleich existentiell sein? Da sehe ich bei Barth ein großes Potential, auch unter ökumenischen Gesichtspunkten. Barth hält den diskursiven (und nicht bloß historisch-archivarischen) Kontakt mit der Tradition.

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